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Portland

Andy Ricker war schon immer zu Höherem bestimmt

Als ich über Andy Rickers Restaurant Pok Pok 2006 zum ersten Mal schrieb, war mein Fazit: „Du denkst, du kennst dich mit thailändischer Küche aus. Aber du irrst dich gewaltig.” Das hat damals gestimmt und stimmt auch heute noch. Dass Ricker zu Großem...

Karen Brooks

Zum ersten Mal habe ich den Creamsicle 1997 in einer Bar in Portland probiert. Nach nur zwei Schlücken wurde meine Welt in ihren Grundfesten erschüttert. Leckerstes Eis traf auf hervorragend gemixten Cocktail. Und das Ganze stieg mir auch noch ohne Umwege herrlich in den Kopf. Ich haben den Barkeeper, einen umherziehenden Backpacker namens Andy Ricker, gefragt, ob er so freundlich wäre, mir das Rezept zukommen zu lassen. Als Belohnung würde ich seine Kreation in mein nächstes Buch, Atomic Cocktails, aufnehmen. Ein paar Wochen später erreichten mich dann seine Instruktionen, die so präzise formuliert waren, dass natürlich auch die Vanilleschoten Erwähnung fanden, deren Aroma mit meinem Rachen aufs Heftigste geflirtet hatten.

Ein Jahr später habe ich Rickers Drink bei Tales of the Cocktail, einem jährlichen Treffen von Suffexperten, in New Orleans vorgestellt. Die Leute haben den Cocktail vernichtet, als gäbe es kein Morgen mehr. Dann habe ich lange Zeit nichts mehr von ihm gehört. Bis zum Jahr 2005. Da enthüllte er seine sonderbare, aber gleichzeitig mitreißende Vision—ein kompromissloser Thai-Imbiss namens Pok Pok, den er eigenhändig in seinem Vorgarten hochgezogen hatte. Noch bevor ich seinen Laden betrat, hatte ich schon alles über Andy Ricker gewusst, was ich wissen musste. Er war akribisch, extrem ehrgeizig und hatte eine natürliche Gabe für „guten Geschmack". Die Leute würden ihm definitiv die Bude einrennen.

In meinem ersten Erfahrungsbericht zu Pok Pok schrieb ich 2006: „Du denkst, du kennst dich mit thailändischer Küche aus. Aber du irrst dich gewaltig." Das hat damals gestimmt und stimmt auch heute noch.

Nach Jahren ausgelutschter und monotoner Speisekarten glichen die Gerichte bei Pok Pok einer kulinarischen Erleuchtung. Und du hast gespürt: So muss echtes Essen schmecken. Schärfe entzückte hier deine Zunge, wo du es nicht erwartet hättest (wie beim thailändischen Obstsalat), und außergewöhnliche Kräutermischungen thronten über den Gerichten, die allesamt mehr gerockt haben als jede Rolling-Stones-Platte. Und plötzlich hast du dir Gedanken darüber gemacht, inwieweit auch Essen eine Seele haben kann. Stäbchen wurden hier durch Löffel ersetzt (das in Thailand gängigste Besteck). Zudem wurde uns beigebracht, das Primat von Reis anzuerkennen, Reis nicht mehr nur als klumpiges Auffangbecken für Saucen anzusehen. Reis ist nicht gleich Reis, die Reisart ist auf das jeweilige Gericht abzustimmen. Und jedes einzelne Reiskorn muss so gekocht werden, dass es auch alleine auf deinem Teller dastehen könnte und trotzdem eine gute Figur machen würde.

Im Pok Pok findest du keine farblich gekennzeichneten Currystufen, keine Proteinoptionen, und auch Fragen wie „Wollen Sie Ihr Essen mild, mittelscharf oder scharf?" wirst du nicht hören. Hier geht es um die Verwirklichung eines Traums, eines verrückten Entschlusses, bei dem uns ein Mann—im Herzen von Amerika—zu seinen versteckten Lieblingsplätzen in Chiang Mai und Bangkok entführen möchte, zu den Nachtimbissen und Wok-Restaurants, den Hütten am Ende der Straße, wo sich Rohes und Gekochtes in ein reinigendes Geschmacksgewitter verwandeln. Kurzum: das Beste, das du dir vorstellen kannst, aber in Amerika fast nirgendwo finden wirst. Vor mehr als zwanzig Jahren hat ihn die Küche Thailands zum ersten Mal in ihren Bann gezogen, und noch heute führt ihn sein Weg regelmäßig dorthin zurück, wo er stets auf der Suche nach neuen Erfahrungen ist, um diese im Anschluss zu einer persönlichen Playlist kulinarischer Obsessionen zu destillieren. Sobald du seine Gerichte probierst, passiert etwas mit dir. Du wirst sofort infiziert. Heilung ausgeschlossen!

Ich war hin und weg. Nicht nur wegen des Essens, sondern auch wegen Rickers innerer und äußerer Welt voll Thai-Rock und glitzernder Weihnachtslichter, wegen des verblüffend realistischen Gefühls, in Bangkok ein magisches, verstecktes Lokal—fernab der Hauptstraßen—zu betreten, wo sich die Einheimischen um Mitternacht zum Essen versammeln. Es war eine bemerkenswerte Vision von einem fernen Ort, nur eben mitten in Portland. Aber Pok Pok stand auch noch für etwas anderes, für eine neue Essensbewegung in einer sympathischen Stadt, die für regionale Produkte steht: Hier steht das Essen im Mittelpunkt, hier kannst du sein und essen, wie du bist. Und über allem schwebt eine gesunde My-way-Attitüde.

Im Jahr 2007 habe ich in der Tageszeitung The Oregonian Pok Pok zum „Restaurant des Jahres" gekürt—zu einer Zeit also, als die Leute die Auszeichnung „bestes Restaurant" noch mit weißen Tischdecken und teuren Weinen verbanden, nicht aber mit einem Ort, an dem du dich eng an eng über Trinkessig und Whiskey Sour mit Tamarinde fieberhaft deinem Essen hingeben würdest.

Natürlich ist Andy Ricker schon lange kein lokales Geheimnis mehr. Die Gäste verschlingen hier die berühmten Chicken Wings in Fischsauce in einem Umfang von zwei Tonnen pro Woche. Im Jahr 2012 hat New York dann Andy—und seine Pok-Pok-Vorposten—wie einen siegreichen Eroberer empfangen. Blogger folgen ihm auf Schritt und Tritt und sogar die New York Times schreibt mehr über Ricker als über Afghanistan. Seine Whiskey Soda Lounge ist in beiden Städten ein echter Hit mit ihren sich drehenden Shivas, leckeren Thai-Snacks sowie spritzigen Cocktails mit Kaffir-Limette und Sellerie-Trinkessig. Natürlich liegen zwischen dem Creamsicle von 1997 und dem heutigen Ricker-Imperium mittlerweile Welten.

An dieser Stelle würdest du vielleicht erwarten, dass du Ricker irgendwo am Strand in Phuket antriffst, wo er sich zurücklehnt, während seine Chicken Wings die Kasse klingeln lassen. Aber das würde ihn nur fertig machen und den Leuten und Orten, die ihm so viel bedeuten, nicht gerecht werden. Außerdem würde das wohl auch bedeuten, dass seine Mission damit beendet wäre. Dabei sind wir gerade einmal am Anfang. In der neuen MUNCHIES-Doku FARANG: The Story of Chef Andy Ricker, die demnächst auf dieser Website zu sehen ist, wird das nächste Kapitel erzählt, die Eröffnung von Sen Yai in Portland, ein langgehegter Wunsch, der sich um thailändische Nudeln dreht und den Stoff für sein kommendes Kochbuch bieten wird. Niemand hat gesagt, dass es einfach werden würde, Rickers Projekt, das auf so sympathische Weise in dieser sehr persönlichen Doku eingefangen wurde. Nur wenige Monate nach seiner Eröffnung hat es das Sen Yai schon auf meine Liste der besten Restaurants, abgedruckt in der Zeitschrift Portland Monthly, geschafft.

Andy Ricker hat es sich nie zum Ziel gesetzt, ein Paradies für Feinschmecker zu schaffen. Er wollte uns sein Lieblingsessen näher bringen, uns erklären, warum es ihn noch immer nach Asien zieht, in die Dörfer und Städte, die es kulinarisch zu entdecken und erkunden gilt. Mission erfüllt.

Karen Brooks ist Gastro-Redakteurin und -kritikerin für das Magazin Portland Monthly.