Essen in Nordkorea: Der Guide

Simon Cockerell war in 14 Jahren schon 150 mal in Nordkorea, er kennt die Küche des abgeschlossenen Reiches sehr gut. Sein Rat: Probier das Sushi, aber vermeide die Muscheln. Sie werden in Benzin gegart.

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03 März 2016, 9:00am

Foto af Simon Cockerell

„Du wirst keinen Nordkoreaner finden, der freiwillig eine Mahlzeit auslässt", sagt Simon Cockerell. Nächsten Monat wird er das abgeschottete Reich zum 150. Mal bereisen, er sollte es wissen.

Als Geschäftsführer von Koryo Tours, die auf Touren in Nordkorea spezialisiert sind, hat der Brite Cockerell das Land seit 2002 regelmäßig bereist. Wie für jeden Ausländer, der Nordkorea besucht, sind die Gegenden, die er sehen darf, strikt limitiert und er und seine Touristen müssen immer von nordkoreanischen Führern begleitet werden. Trotzdem haben seine Reisen ihm faszinierende, wenn auch eingeschränkte, Einblicke in die Kultur und Essgewohnheiten des Landes gewährt.

Die nordkoreanische Bevölkerung war von 1994 bis 1998 von Hunger geplagt. Und auch wenn das diktatorische Regime um Kim Jong-Un ausländische Augen von den Armen des Landes fern hält, berichten Menschenrechtsgruppen regelmäßig von Hunger als einem der vielen Probleme, dem die unterdrückten Massen im isoliertesten Land der Welt ausgesetzt sind.

simon Koryo tours

Simon Cockerell. Alle Fotos mit Genehmigung von Simon Cockerell.

Selbst in der Hauptstadt Pjöngjang, der Stadt der nordkoreanischen Elite, beeinflussen Erinnerungen an den Hunger die Esskultur stark. „Jeder über 20 erinnert sich dort an das Leben in Hunger", sagt Cockerell. „Daher ist Essen sehr wichtig und die Kultur ist kulinarisch. Die Leute wissen, dass eine Mahlzeit zu verpassen eine Extravaganz ist, die sie früher nicht hatten, also schlagen sie zu. Es gibt nicht wirklich das Konzept, Essen übrig zu lassen."

Cockerell hat sich in den letzten 14 Jahren durch das Land gegessen und dabei Einblicke und Instagram-Fotos gesammelt, die er unter @simonkoryo postet. Ich habe ihn zu den zehn interessantesten Dingen befragt, die er sich in Nordkorea einverleibt hat.

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Kalte Nudeln mit eigenem Soundtrack

Vielleicht die am weitesten verbreitete Mahlzeit in Pjöngjang. Dieses Gericht hat eine starke kulturelle Geschichte.

Simon: „Das ist das klassische nordkoreanische Gericht namens naengmyeon. Es ist so klassisch, dass es ein Lied darüber gibt: ‚Naengmyeon, naengmyeon, Pyongyang naengmyeon!' Musik ist eine Form von Propaganda, Essen zu erwähnen gibt den Leuten also einen gewissen Nationalstolz und zeigt Sicherheit im Essen.

Kalte Nudeln aus Pjöngjang werden aus Buchweizen hergestellt. Sie sind schwarz und werden in einer klaren, kalten Brühe serviert, normalerweise mit einem getrockneten Ei, ein paar Streifen Fleisch und scharfer Soße. Sie sehen hässlich aus, aber schmecken gut.

Lange Nudeln bedeuten ein langes Leben oder eine lange Ehe. Bei einer Hochzeit werden allen kalte Nudeln serviert und zu sagen: ‚Keine Nudeln, danke' wäre außerordentlich unhöflich."

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Von den Vereinten Nationen anerkanntes Kimchi

Die meisten Nordkoreaner sind einigermaßen besessen von auf Kohl basierendem Kimchi, dessen scharfe Version von den Vereinten Nationen als kulturelles Erbe angesehen wird.

Simon: „Wenn Nordkoreaner Kimchi bekommen können, dann essen sie es zu jeder Mahlzeit. Es hält sich gut—es besteht aus einfachen Zutaten und kann in der Erde vergraben werden, eine frühe Form des Kühlens.

Nordkoreanisches Kimchi ist meistens schärfer als südkoreanisches Kimchi. Meine Firma hat viele Koreaner in China beherbergt und wenn sie ein paar Mahlzeiten ohne Kimchi essen, dann werden sie unruhig.

Ich kenne Koreaner, die in Mauritius gearbeitet haben. Einer sagte, es wäre ein Paradies, weil sie günstig Früchte und Fleisch bekommen können und das Wetter so schön ist, aber das Schlimmste daran wäre, dass der Kohl dort so teuer ist. Sie haben all ihr Geld dafür ausgegeben. ‚Ich esse keinen Kohl' zu sagen, ist für einen Nordkoreaner unvorstellbar."

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„Delikatesse" Hundefleisch

Es ist ein koreanisches Klischee-Essen, doch Hundefleisch wird im Norden nur zu besonderen Anlässen gegessen.

Simon: „In Nordkorea wird es nicht Hundefleisch genannt, sondern ‚süßes Fleisch'. Das könnte ein Euphemismus sein, damit die Leute nicht sagen, dass sie Hunde essen, aber im Land gibt es keine Scham, es zu essen. Es ist eine Delikatesse und die Leute essen es vielleicht ein oder zwei Mal im Jahr, wenn sie es sich leisten können. Es gibt natürlich eine große Anzahl von Leuten, die diese Wahl nicht haben und kaum Fleisch essen.

Was sie Touristen meistens anbieten ist Hundesuppe. Sie ist meistens scharf und beinhaltet recht wenig Hund. Außerdem gibt es ein paar Restaurant in Pjöngjang, die sich auf Hundefleisch spezialisiert haben: Hunderippchen, Hundesteak.

Es ist nicht der tollste Geschmack, aber wenn es gut zubereitet ist, ist es OK. Es schmeckt recht verdorben und kann ein bisschen schwer sein. Ich finde es zäh, aber ich hatte auch schon zartes Hundefleisch.

In Nordkorea gibt es keine ausgeprägte Kultur, Hunde als Haustiere zu halten. Es gibt Wachhunde und Bauernhunde, aber du musst schon ziemlich zur Mittelklasse gehören, um einen als Haustier zu halten."

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Koryo-Burger: „Das schlechteste Essen überhaupt?"

Von westlichen Social-Media-Nutzern manchmal mit Sätzen wie „das Schlechteste, was ich je gegessen habe" bezeichnet, hat es der Burger, der auf Flügen der nordkoreanischen Airline Air Koryo angeboten wird, zu Kultstatus gebracht.

Simon: „Das einzige Mal, dass ich jemanden gesehen habe, dem beim Fliegen schlecht wurde, war auf einem Flug mit Air Koryo. Aber ich denke, das war darauf zurückzuführen, dass der Passagier vorher noch nie geflogen ist und nicht darauf, dass er einen Koryo-Burger gegessen hat.

Trotzdem ist er nicht sonderlich toll und es ist nicht klar, welche Art von Fleisch es ist. Wahrscheinlich nicht Hund. Niemand fliegt aufgrund des Essens mit Air Koryo, aber ich habe bis jetzt wahrscheinlich um die 30 Stück davon gegessen, jedoch nur wenn ich sehr hungrig war.

Die meisten Nordkoreaner sind noch nie geflogen und die, die geflogen sind, sind mit Air Koryo gereist. Die vegetarische Option der Airline ist: ‚Iss den Burger nicht.'"

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Bier, mit Lebensmittelmarken gekauft

Im Jahr 2000 hat Nordkorea eine ganze Brauerei in die Hauptstadt importiert, Ushers of Trowbridge aus Großbritannien, um Taedonggang herzustellen: Mittlerweile das beliebteste Bier des Landes.

Simon: „Jemand wanderte in Südkorea ins Gefängnis, weil er offen sagte, dass nordkoreanisches Bier besser ist als südkoreanisches Bier… was definitiv stimmt. Südkoreanisches Bier ist furchtbar—es legt die Latte nicht sonderlich hoch.

Taedonggang ist mittlerweile das bekannteste Bier in Nordkorea und nach dem Fluss benannt, der durch Pjöngjang fließt. Es gibt eine Bier-Ration—Männer bekommen jeden Monat Marken. Das ist nicht unbedingt eine landesweite Politik, ist aber in Pjöngjang so. Du kannst jedoch mehr kaufen; die Ration bedeutet nur, dass du Gutscheine bekommst, nicht dass dein Konsum limitiert wird.

Wenn du ein Taedonggang-Bier möchtest, dann kannst du in eine angesagte Bar gehen und ein Glas für zwei oder drei Dollar bekommen oder in eine etwas proletarischere Lokalität und es für einen Gutschein oder ungefähr 25 Cent bekommen.

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Die meisten Lokale, in denen es Bier gibt, haben tiefe Tische, an denen du normalerweise sitzen würdest, jedoch ohne Stühle. Wie im Westen wird in den Bars getrunken und gescherzt, dadurch ist es also zu erkennen. Biere trinken, Runden ausgeben, immer alberner werden, Singsang, ab und zu ein verschüttetes Glas. Witze, aber nicht wirklich politischer Humor.

Die Taedonggang-Biere haben Nummern anstatt Namen: Nummer Eins besteht aus Gerste, Wasser und Hopfen und schmeckt gut. Nummer Zwei ist das Verbreitetste und besteht aus Gerste, Wasser, Hopfen und ein wenig Reis. Nummer Drei ist ein Halbe-Halbe-Gemisch aus Hopfen und Reis. In Nummer Vier ist mehr Reis und Fünf ist Reisbier. Fünf ist ekelhaft.

Ich war einmal mit einer belgischen TV-Crew in dieser großen Bar namens Kyonghungwan. Die Crew wollte Leute filmen, also gingen wir an den Tisch, an dem die meisten Frauen saßen.

Es stellte sich heraus, dass einige von ihnen Englisch sprachen; sie waren Hebammen und Gynäkologinnen in einem Frauenkrankenhaus. Klassische Krankenhausangestellte: Sie hatten gerade 16- bis 18-stündige Schichten hinter sich und konnten loslassen. Sie waren die betrunkensten Leute dort—es gab viele Toasts. In diesen Lokalen sind hauptsächlich Männer. Frauen gehen in Bars, aber nie alleine.

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Soju und „Hinterwäldler"-Makgeolli

Der günstige, reichlich vorhandene Reiswein, der als Soju bekannt ist, ist das beliebteste alkoholische Getränk in Pjöngjang, während der weniger stilvolle Makgeolli in den ländlichen Gegenden dominiert.

Simon: „Es ist schwer, in Nordkorea ein Abendessen ohne Alkohol einzunehmen und wenn du zu spät zu einem Essen erscheinst, musst du oft drei Shots Soju trinken. Das ist eine gängige ‚Bestrafung'.

Soju ist ein Reis-Branntwein mit 18 bis 25 Prozent Alkohol und ist in Nordkorea kräftiger als in Südkorea. Er ist nicht so schrecklich wie baiju [Chinas beliebtester Branntwein], aber das ist nichts auf der Welt.

Makgeolli ist ein Getränk, das durch denselben Prozess entsteht wie Soju; es ist nicht so alkoholisch und sieht milchig aus. Es ist ganz gut, in Nordkorea ist es jedoch ein Getränk für Hinterwäldler: Das Nebenprodukt von etwas Besserem. Wenn du in Seoul bist, kannst du jedoch alle möglichen Formen von aromatisiertem Makgeolli bekommen und die Leute trinken es in Hipster-Bars.

Für Koreaner ist es wie der britische Scrumpy-Cider: Etwas, das von deinen idiotischen Cousins auf dem Land getrunken wird, nicht von einem anspruchsvollen Städter. Du kannst Makgeolli in Pjöngjang bekommen, aber die Leute finden es seltsam, wenn du es kaufst. Es ist rückständig."

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KHC: Kartoffelchips, nach denen du dir die Finger leckst

Falls Kentucky Fried Chicken Kartoffelchips anstatt Hühnchen machen würde, dann würden sie ein wenig wie diese aussehen.

Simon: „KHC, ein Stand in Nordkorea neben einer Schießanlage und einer Bowlingbahn, verkauft Kartoffelchips. In Nordkorea weiß niemand, was KFC ist, als warum diese Nachahmung? Diese Chips schmecken wie gesalzene Chips, nur ohne Salz.

Weil Marken hier keinen Erkennungswert haben, gibt es in Nordkorea nicht so viele offensichtliche Nachahmungen von Marken. In Russland siehst du die goldenen Bögen oft auf dem Kopf und das hat einen Wiedererkennungswert, aber in Nordkorea würden sie einfach denken, dass es ein großes gelbes „W" sei, das nichts bedeutet.

Ich habe einige Tassen mit Costa-Coffee-Logo in Pjöngjang gesehen, aber das war nicht in einem Costa, sondern einfach in irgendeinem Restaurant. Sie haben sie wahrscheinlich einfach von einem Großhändler bekommen. Kein Nordkoreaner war jemals dort und hat gesagt: ‚Oh, sie servieren hier Costa Coffee!'

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Es gibt die Produktion von Chips in Nordkorea, aber du siehst nicht viele Leute, die herumlaufen und sie essen. Wenn du sie in einer Bar bestellst, dann schneiden sie immer das Obere der Packung mit einer Schere ab und schütten sie auf einen Teller, um etwas mehr Klasse reinzubringen.

Was Snacks angeht, so bevorzugen die Leute getrockneten Tintenfisch, aber hauptsächlich Fisch. Getrockneter Tintenfisch mit Senf und Sojasauce passt gut zu Bier."

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Westliches Fastfood (mit langer Wartezeit)

Obwohl die nordkoreanische Politik aufs Extreme gegen Außenstehende ist, ist es überraschend einfach, westliches Essen in Pjöngjang zu finden.

Simon: „Es gibt mehr italienische Restaurants als chinesische Restaurants in Pjöngjang: Drei.

„Der erste Laden, der Pizza anbot, war das Pyolmuri Café. Dann eröffnete um 2008 ein italienisches Restaurant, das „Italienisches Restaurant" hieß. Der koreanische Koch hat in Italien gelernt. Es wurde mit ausländischer Hilfe eröffnet und war ziemlich gut.

Es gibt auch einige Burger-Restaurants. Auch in Pjöngjang herrschen die Kräfte des Marktes—ein Burgerladen machte mal auf, aber da niemand dort hin ging, machte er wieder zu. Es ist einfach für die Leute, zu denken, dass alles, was in Nordkorea geschieht, von Nordkorea ‚getan wird'. Wenn jemand ein Burger-Restaurant eröffnet, heißt es immer: ‚Kim Jong-Un hat ein Burger-Restaurant eröffnet', aber sie werden von Geschäftsleuten eröffnet, die vom Profit angetrieben werden.

In diesen ‚Fast'-Food-Läden ist das Essen nicht fertig, wenn du reinkommst; sie haben Ablagen hinter den Tresen, aber da ist nie etwas drauf. Eine Mahlzeit, die lange dauert, ist normal in Nordkorea und die meisten Leute in Pjöngjang haben eine zweistündige Mittagspause.

Du findest mittlerweile überall in Pjöngjang Burger. Wenn du Geld hättest, könntest du fast alles in der Stadt eröffnen, wenn auch vielleicht keinen Laden, der ‚Uncle Sam's All-American Steak House' oder so heißt. Das würde vielleicht zu weit gehen."

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Sushi von ihren ehemaligen Unterdrückern

Von Nordkoreanern wird historisch gesehen erwartet, dass sie Japan hassen, sogar mehr als die USA, aber in Pjöngjang lieben viele Einwohner Sushi.

Simon: „Welches Land hasst Nordkorea stereotypisch mehr als Amerika? Japan. Trotzdem gibt es in Pjöngjang ein paar klassisch japanische Restaurants mit Essen auf einem Beförderungsband.

Jeder, der die Restaurants kennt, weiß, dass es japanisches Essen ist. Sie versuchen nicht abzustreiten, was es ist, aber sie kleiden die Köche auch nicht so ein, dass sie japanisch aussehen oder grüßen dich auf Japanisch. Sie heißen auch nicht ‚Hirohitos Sushi-Laden der aufgehenden Sonne' oder so.

Die Anzahl an Leuten in Pjöngjang, die sich dies leisten kann, geht heute wahrscheinlich in die Zehntausende, also gibt es einen Markt dafür. Und es ist köstlich."

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Muscheln mit Benzin-Aroma

Die beste Art, Muscheln zu kochen? Tränk sie mit Benzin und sieh die Flammen lodern.

Simon: „An der Ostküste kochen Nordkoreaner Muscheln auf einem Metallblech. An der Westküste schütten sie Benzin darüber und zünden sie an. Dann schütten sie mehr Benzin darüber, bis sie denken, dass sie gar sind.

Sie öffnen sie, indem sie sie auf den Boden schlagen, wie die Affen zu Beginn von 2001: Odyssee im Weltraum. Sie lassen immer den Fahrer einer Tour-Gruppe kochen, als wäre er, weil er fährt, der Einzige, der weiß wie mit diesem außerordentlich explosiven Material umzugehen ist.

Die Muscheln stinken und schmecken nach Benzin und manchmal bekommst du eine, die noch teilweise geschlossen war und unverbranntes Benzin im Inneren hat. Das Spiel musst du spielen."

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