Warum wir bedrohte Vogelarten vielleicht einfach essen sollten

Der Geschäftsmann und Wildtierschützer Roger Beattie erklärt uns, warum es keine so schlechte Idee ist, die Wekaralle, eine bedrohte Vogelart aus Neuseeland, zur teuren Delikatesse für Feinschmecker und Touristen zu machen.

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23 September 2014, 1:45pm

Photo via Flickr user Sid Mosdell

Roger Beattie ist ein erfolgreicher Geschäftsmann, der mit Wildtieren und -pflanzen sein Geld verdient, sich aber gleichzeitig auch für ihren Schutz einsetzt. Er führt gleich mehrere Unternehmen, darunter eine Seetang-Zucht, eine Bio-Schafsfarm sowie ein Schutzgebiet für Wekarallen. Angesichts seines 14-jährigen Engagements für den Artenschutz wäre er wohl der letzte Mensch, von dem du erwarten würdest, dass er Neuseelands berühmte und vom Aussterben bedrohte Vogelarten zum Essen freigeben möchte.

Die Populationen von in Neuseeland beheimateten Vögeln wie Wekarallen gehen aufgrund von Wilderei zurück. Beattie setzt sich dafür ein, dass bedrohte Vogelarten für den menschlichen Verzehr gezüchtet werden, um auf diese Weise ihre Bestände zu erhalten. Er glaubt an einen riesigen Markt für diese Vögel, deren Fleisch (noch) als tabu gilt. Touristen und Liebhaber von exotischen Gerichten, so glaubt er, werden bereit sein, für sie tief in die Tasche zu greifen und so für Nachhaltigkeit zu sorgen. Es sollte niemanden überraschen, dass seine Ideen bei der neuseeländischen Naturschutzbehörde nicht gerade auf offene Ohren stoßen.

Ich hatte die Möglichkeit, Beattie zu treffen und mit ihm über Neuseelands bedrohte Tierarten zu sprechen. Außerdem verriet er mir, welche bürokratischen Hürden noch genommen werden müssen, damit Kiwi auf unserem Teller landen kann.

MUNCHIES: Hey, Roger. Du vertrittst die Meinung, dass Vogelarten wie der Kiwi—der unter Artenschutz stehtgezüchtet und als Delikatesse vermarktet werden sollten. Ich könnte mir gut vorstellen, dass du auf viel Widerstand vonseiten der neuseeländischen Naturschutzbehörde gestoßen bist. Roger Beattie: Aus irgendeinem Grund dürfen in diesem Land manche Tiere gezüchtet werden und andere wiederum nicht. Sie erzählen dir, dass du von gewissen Arten die Finger zu lassen hast, um Zuchtfehler auszuschließen. Das ist aber anmaßend. Wir Schafsfarmer hier in Neuseeland haben doch schon längst bewiesen, dass wir das Wichtigste zum Thema Genetik verstanden haben. Nur dass Schafe keine bedrohte Tierart sind—im Gegensatz zum Kiwi.

Du scheinst ja mit der neuseeländischen Naturschutzbehörde nicht gerade einer Meinung zu sein. In einigen Aspekten schon. Wir verfolgen ähnliche Ziele, haben aber eine andere Herangehensweise. Unsere Naturschutzbehörde leistet dank ihrer Ressourcen und Expertise durchaus einen wichtigen Beitrag zum Artenschutz. Man könnte sie aber auch Naturschussbehörde" nennen, denn um eine Tierart zu retten, müssen bei ihnen andere Tiere dran glauben. Die Außendienstmitarbeiter der Naturschutzbehörde sollten den Job der Bürokraten am besten gleich mitmachen. Denn die kämpfen wenigstens mit Leidenschaft für den Naturschutz

Wie sollten wir bedrohte Tierarten schützen? Wir müssen unsere Gesetze ändern. Wir fragen uns jedes Jahr von Neuem, warum unsere Kiwi-Population schon wieder um sechs Prozent zurückgegangen ist. Unsere Naturschutzbehörde hat das Problem schon richtig erkannt, vertraut aber den falschen Lösungsansätzen. Wir müssen den Markt öffnen. Wenn Privatleute einen Beitrag zum Artenschutz leisten wollen, dann sollten wir ihnen keine Steine in den Weg legen. Wir züchten Paua und einheimische Bäume—doch nicht jede hier beheimatete Spezies eignet sich zur Zucht. Doch eins steht fest: Keine Tierart, die jemals gezüchtet wurde, ist ausgestorben—im Gegensatz zu den 44 Vogelspezies, die trotz Artenschutz schon ausgestorben sind. Wenn du also vor die Wahl gestellt wirst, ob du lieber eine Tierart unter Schutz stellst und sie dann stirbt oder du sie züchtest und somit ihren Fortbestand sichern kannst, brauchst du wohl nicht lange zu überlegen.

Welche Spezies würdest du zuerst züchten wollen? Aus Gründen der Nachhaltigkeit brauchst du eine Vogelart, die günstig und pflegeleicht ist und dazu noch gut schmeckt. Meine Wahl würde deswegen auf die Wekaralle fallen. Wekarallen wachsen schnell, können ohne großen finanziellen Aufwand gezüchtet werden und sind beim Essen nicht wählerisch. Wir haben schon Hunderte von ihnen gezüchtet und verschenkt. Du darfst sie ohne Erlaubnis nämlich nicht verkaufen. Du kannst dafür im Gefängnis landen.

Ist es nicht ironisch, dass du eine Tierart vor dem Aussterben retten willst, indem du sie auf die Speisekarte setzt? Wenn jemand Wekarallen züchten möchte, um sie anschließend auszuwildern oder ihr Fleisch zu verkaufen, ist das voll in Ordnung, solange es dem Bestand zugute kommt. Ich verstehe nicht, warum es Schafsfarmen geben soll, aber keine Zuchtbetriebe für Vögel. Wir züchten ja auch Schafe, um ihre Wolle, Hörner und Fleisch zu verkaufen.

Warum ist es tabu, heimische Vogelarten zu essen? Das ist eine neuere Entwicklung. Die Maori haben früher alle hier heimischen Spezies gegessen. Unsere Naturschutzbehörde hat einige unserer Vogelarten mystifiziert. Dabei essen wir doch schon längst viele Vögel, die in Neuseeland beheimatet sind, wie etwa Dunkelsturmtaucher, Enten oder das Purpurhuhn. Wo liegt denn bitte der Unterschied zwischen Enten und Wekarallen?

Aber ist die Zucht nicht nur eine Notlösung, wenn es um Tierschutz geht? Schließlich hilfst du damit nicht den in der Wildnis lebenden Populationen. Bei stark vom Aussterben bedrohten Tierarten wie den Wekarallen kannst du keine Rücksicht darauf nehmen, ob und zu welchem Grad die Zucht in Gefangenschaft betrieben werden müsste. Du musst primär dafür sorgen, dass sich ihre Bestände so schnell wie möglich erholen. Danach kannst du dir Gedanken zum Thema Auswilderung machen. In der Zwischenzeit hätten wir auch genügend Zeit, um uns Lösungen zu überlegen, wie wir die Bestände von Tierarten, die das Überleben der Wekarallen gefährden—darunter Wiesel, Ratten, Frettchen und Opossums—unter Kontrolle bekommen können. Dafür müssen wir auch Fallen aufstellen.

Wie schmecken Wekarallen? Großartig! Sie erinnern geschmacklich an eine Mischung aus Lamm und Hähnchen. Es gibt keinen Grund, warum wohlhabende Touristen nicht dazu bereit sein sollten, auch für ein Wekarallen-Menü 70 Euro auszugeben. Wir geben ja auch schon für Langusten eine Menge Geld aus. Warum nicht also auch für bestimmte Vogelarten? Wenn du etwas für den nachhaltigen Fortbestand von Vogelpopulationen tun willst, musst du dich erstmal auf eine Spezies festlegen, und das sollten unsere Wekarallen sein. Denn sie sind äußerst pflegeleicht. Du musst ihnen nur Wasser und was zu essen geben und sie dann ihr Ding machen lassen. Denn echt, im Vergleich zu Wekarallen sind Kiwis echt dumm. Kiwis entsprechen nicht unserem Charakter—Wekarallen sind dagegen kess, lebendig und extrovertiert. Anstatt Kiwis sollten wir viel eher Wekarallen genannt werden!

Danke für das Gespräch, Roger.

Oberes Foto: Sid Mosdell | Flickr | CC BY 2.0