Alle Fotos: Florian Hinder

Ich habe versucht, bei einem "Kakao-Dance" high zu werden

Die Kraft des Kakaos fliesst allerdings nicht durch jeden.

|
Okt. 2 2018, 4:00am

Alle Fotos: Florian Hinder

Dieser Artikel stammt aus unserer Redaktion in Zürich.

"Der Kakao mag es, wenn wir für ihn singen", sagt Maywa. Sie lächelt, während sie die Worte ins Mikrofon vor sich haucht. Sie ist nicht die Einzige mit diesem wohligen Gesichtsausdruck, alle Anwesenden, die auf ihren Decken verteilt im Raum liegen, lächeln selig. Ständig. Bis jetzt, meiner Meinung nach, völlig ohne Grund. Als grundsätzlich eher grantiger Mensch ist mir diese Glückseligkeit suspekt.

Maywa leitet hier eine Kakaozeremonie mit anschliessendem Rave, bei der die Teilnehmenden versuchen, mit Kakao und Meditation in höhere Sphären zu driften. Ich bin eine dieser Teilnehmerinnen – und mächtig nervös. Die Kakaobohne wird schon seit Jahrhunderten als göttliches Superfood angesehen. Der lateinische Name des Kakaobaumes, Theobrama cacao, bedeutet übersetzt wohl nicht zufällig "Nahrung der Götter". Aber macht der Stoff auch uns Sterbliche high? Ich will es herausfinden. Auch wenn das bedeutet, dass ich einem Becher Kakao ein Ständchen singen muss.


MUNCHIES-Video: Mit Marihuana kochen im Haus von Hunter S. Thompson


Wissenschaftlich gesehen scheint das natürliche High durch Kakao tatsächlich zu klappen – zumindest so halb –, wenn man der Studie eines Schweizer Psychologenteams der Universitäten Zürich und Bern Glauben schenkt. Mit 65 männlichen Probanden wurde herausgefunden, "dass dunkle Schokolade aufgrund der im Kakao enthaltenen Flavonoide vor der körperlichen Reaktion auf Stress schützt, indem sie die Stresshormonfreisetzung in den Nebennieren blockiert", wie Studienleiterin Petra Wirtz erklärt. Oder einfacher ausgedrückt: Kakaohaltige Schokolade kann deine Nerven beruhigen.

Der englische Physiologe Ian Macdonald fand zudem heraus, dass die Hirndurchblutung nach dem Kakaogenuss deutlich gesteigert werde: "Das könnte dabei helfen, bestimmte Aufgaben besser zu lösen und über eine kurze Zeit die Wachsamkeit zu erhöhen". Der Kakao-statt-Koks-Trend in Berliner Clubs vor zwei Jahren hatte also zumindest irgendeine Art von Existenzberechtigung.

Doch trotz der wissenschaftlichen Beweislage, dass Kakao nicht bloss süss und lecker ist, glaube ich weiterhin, dass mich Kakao trinken und meditieren wohl nicht so wegballern wird wie ein anständiger Joint.

Meine Droge für den Abend. Aber ohne Milch, die killt angeblich die Magic

Davon abgesehen: Mit Spiritualität habe ich wenig am Hut. Ich glaube nicht an Gott und habe Mühe, mein Schicksal in die Hände einer höheren Macht zu legen. Und trotzdem sitze ich jetzt auf einer Decke am Boden und blicke auf rund 20 fremde, lächelnde Gesichter.

Ich habe strategisch eine Decke nahe am Ausgang ausgewählt. Ich rede mir ein, dass ich von hier aus alles gut im Blick habe und mit journalistischer Objektivität über diesen Anlass berichten kann. Aber das ist Quatsch, eigentlich habe ich bloss Schiss davor, als Ungläubige erkannt und aus dem Raum gejagt zu werden.

Dass schon indigene Völker wie Azteken und Mayas Kakao bei Zeremonien benutzten, um zukünftige Menschenopfer in eine Art Trance zu versetzen, bevor sie auf der Schlachtbank Platz nehmen "durften", schmälert das mulmige Gefühl im Magen nicht wirklich.

Am einen Ende des Raumes befindet sich eine Art Altar. Ein DJ-Pult wurde darauf aufgebaut, bunte Lichter blinken in den Ecken und davor liegen Decken, Trommeln und Klangstöcke. Im Hintergrund läuft beruhigende Musik.

Früher fanden hier tatsächlich religiöse Veranstaltungen statt, erzählt mir Christian, einer der Gastgeber. Es sei mal eine evangelische Kirche gewesen, heute wird der Raum für die Event-Community Echoes from Venus genutzt: "Eigentlich voll schön, dass hier früher schon etwas Spirituelles zuhause war. Man muss nur noch seine eigene Energie mitbringen und schon fühlt man sich wohl da."

Alle Anwesenden sitzen kerzengerade da und sehen so tiefenentspannt aus, als wären sie gerade aus einem Yoga-Retreat zurückgekehrt. Mir macht derweil mein eingeschlafenes Bein zu schaffen, das sich schon nach wenigen Minuten im Schneidersitz beschwert. Ich steche aus der Gruppe heraus wie ein Berghain-Chick beim Goa-Rave. Zumindest bilde ich mir das ein, während ich mich zunehmend unwohler fühle. Allerdings gibt's hier offenbar auch viele Umarmungen. Ich mag Umarmungen. Vielleicht wird das doch nicht so weird, wie ich erwarte?

"Es ist ein warmes Gefühl, das durch meinen Körper fliesst und in meiner Herzgegend kribbelt es immer ein wenig."

Meine Hoffnung wird auf die Probe gestellt, denn jetzt beginnt die Zeremonie. Geführt wird diese von ALUNA, einem Performance-Duo bestehend aus Steffen Kirchhoff und eben dieser Frau, die sich Maywa nennt. Die beiden haben sich 2016 bei einem Festival in Kolumbien kennengelernt und bringen seither zusammen Kakao unter die Leute.

Maywa, die zwei Jahre lang im peruanischen Dschungel beim Shipibo-Stamm wohnte, sei tief verwurzelt mit der Pflanzenwelt, erklärt mir Steffen. Sie nennt Kakao auch "Medizin der Liebe" und schwärmt regelrecht davon: "Wenn ich den Kakao trinke, fühle ich eine Wärme in meinem Herz. Ich fühle mich geehrt, aufgeregt, dankbar und gleichzeitig ermöglicht mir Kakao, mich mit der Erde zu verbinden."

Auch Steffen ist völlig begeistert vom natürlichen High des Kakaos: "Es ist ein warmes Gefühl, das durch meinen Körper fliesst und in meiner Herzgegend kribbelt es immer ein wenig. Ausserdem hilft mir Kakao dabei, mich anderen Menschen gegenüber mehr zu öffnen und liebevoller mit ihnen umzugehen."

Bevor "Mama Kakao", wie Maywa die braune Flüssigkeit in unseren Gläsern nennt, ihre volle Wirkung entfalten kann, singen wir jetzt ein bisschen. Ich stelle mich auf das Schlimmste ein und bin überrascht: Maywas Singstimme versetzt mich zwar nicht gleich in eine Trance, aber ich fühle mich schon nach dem ersten Ton ziemlich entspannt.

Ich habe auch trotz aller Skepsis das Gefühl, dass weder Steffen noch Maywa Hochstapler sind, die mit diesem Hippiekram bloss kräftig abcashen wollen. Ich kaufe beiden die spirituelle Verbindung zueinander und zum Kakao ab, während ich mich vom indigenen Gesang einlullen lasse. Und rieche noch einmal an meinem Glas voller Kakao, das herrlich nach Schokolade duftet.

Endlich geben Steffen und Maywa den Startschuss: Wir dürfen den Kakao trinken. Was nach Schokolade duftet, schmeckt überraschenderweise nach Kondom. Bloss eine feine schokoladige Note lässt sich herauskosten. Der Rest des rohen, mit heissem Wasser aufgegossenen Kakaos aus Bali und Peru schmeckt fettig, nussig, ein ganz kleines bisschen bitter und naja, nach Kondom halt.

Ich schaffe eine halbe Tasse, danach wird mir ein wenig flau im Magen. Maywa bittet uns, uns wieder auf unsere Decken zu legen. Sie nimmt uns mit auf eine meditative Reise, sagt sie. Ich habe aber wohl den Abflug verpasst. Während Maywa davon erzählt, wie wir fliegend in ein Meer eintauchen und darin atmen können, hustet eine Teilnehmerin so stark, als hätte sie sich am meditativen Wasser verschluckt. Ich muss lachen. Bin ich schon high?

Ich habe keine Ahnung, wie viel Zeit während dieser meditativen Reise vergangen ist, aber offenbar leitet Maywa nun alle zurück in die Realität. Ich bin schon lange da. Und enttäuscht. Nicht von der Zeremonie, sondern von mir selbst. Offenbar bin ich zu sehr in meinem Kopf gefangen, als dass ich die selbe transzendente Ebene erreichen kann, in der sich jetzt alle anderen Anwesenden zu befinden scheinen.

Während wir uns alle an den Händen halten und ein letztes gemeinsames Lied anstimmen, fühle ich ein unglaubliches Gemeinschaftsgefühl in der Gruppe. Bloss ich gehöre nicht dazu. Das macht mich traurig. Ich trinke meinen restlichen Kakao und versuche mich erneut auf diese Klangreise einzulassen, die sich nun vom Boden zum DJ-Altar verschoben hat. Der Movement-Teil des Abends hat begonnen.

Steffen spielt Downtempo-Rave, während Maywa mit ihrer sagenhaften Stimme dazu singt. Der Kakao scheint seine Wirkung bei allen (ausser mir) jetzt richtig zu entfalten. Eine Frau rennt im Kreis, eine andere hat ihr T-Shirt ausgezogen. Ein Paar knutscht auf seiner Decke. Menschen streicheln und umarmen sich, ein Mann mittleren Alters steht alleine rum und klatscht ein bisschen vor sich hin.

Während ein anderer Mann seiner Begleiterin eine Rückenmassage verpasst, muss ich daran denken, dass Kakao auch als Aphrodisiakum angesehen wird. Selbst Casanova soll ein Fan der Bohne gewesen sein und in einem Frageforum wird sogar davor gewarnt, dass Kakao dich zu einem regelrechten Sexmonster machen könnte. Ausser einem Kribbeln im Kopf und leichtem Schwindelgefühl spüre ich aber nichts.

Während die Anwesenden ohne Hemmungen und mit einer kindlichen Freude im Gesicht durch den Raum tanzen, unterhalte ich mich mit Christian. "Beim Meditieren gibt es kein Richtig oder Falsch", erklärt er mir. Er rät mir, mich beim nächsten Mal nicht so fest darauf zu fokussieren, ob "es nun geklappt hat oder nicht". Lieber solle ich mich auf jeden einzelnen ruhigen Moment einlassen, den ich spüre.

"Meditation ist für jeden etwas anderes, du musst nicht zwingend im Schneidersitz sitzen und krampfhaft auf die Erleuchtung hoffen", beruhigt er mich. Für ihn zum Beispiel sei die Klettersportart Free Climbing die beste Meditation: "Da kann ich komplett abschalten und meinen Kopf frei räumen."

Mein Sitznachbar Silvan spürt den Kakao. Er müsse sich bewegen, sagt er mit einem Lächeln, "und mir drückt es die Augen beim Tanzen zu, das passiert mir sonst nie". Es sei ein seltsames Gefühl: "Ich weiss, dass da etwas in meinem Körper wirkt, aber ich kann es nicht festmachen." Mit einem anderen Drogen-High könne er es kaum vergleichen.

Während ich die anderen beobachte, wie sie tanzen, lächeln und knutschen, kann auch ich nicht aufhören zu lächeln. Ich weiss aber nicht, ob es der Kakao ist, oder die Lebensfreude dieser Leute. Eigentlich ist es mir auch egal. Auch wenn ich mich immer noch nüchtern auf den Heimweg mache: Es war irgendwie verdammt schön hier.

Folge MUNCHIES auf Facebook und Instagram.