Äthiopiens traditionelle Kaffeekultur

Äthiopien produziert nicht nur Kaffee, das Land hat auch eine ausgeprägte Kaffeekultur. Wer eine traditionelle äthiopische Kaffeezeremonie erleben möchte, muss mit den Einheimischen mithalten können—und die trinken gleich drei Tassen nacheinander.

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Juni 24 2015, 5:00am

Wer an einer äthiopischen Kaffeezeremonie in der Innenstadt von Addis Abeba, Äthiopiens Hauptstadt, teilnimmt, muss mit den Einheimischen mithalten können.

Und die trinken drei Tassen. Schwarz.

Ich fühle mich nach meinem dritten Kaffee berauscht und meine Augen tränen vom Weihrauch, der mir ins Gesicht bläst. Arbol, die erste Tasse Kaffee, soll die stärkste und die beste sein. Meine ist leicht, aber im Geschmack trotzdem voll, erdig und ölig gleichzeitig. Die zweite Tasse, Tona, wird aus demselben Kaffee gebraut und ist deshalb schwächer, und Bereka, die dritte, ist als „einen auf den Weg" bekannt. Für mich die, die eine zu viel war.

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Eine äthiopische Kaffeezeremonie, oder jebena buna, wie sie in der amharischen Sprache heißt, ist nichts für jemanden, der es eilig hat. Die Vorbereitung kann fürchterlich langsam sein.

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Ein jebena voll mit Kaffee auf heißen Kohlen. Alle Fotos vom Autor.

Frauen waschen zuerst die grünen Kaffeebohnen, bevor sie über heißen Kohlen geröstet (böse Zungen sagen auch verbrannt) werden. Dann werden die pechschwarzen Bohnen grob von Hand mit Mörser und Stößel gemahlen. In eine schwarze Lehmkanne, jebena, wird der Kaffee mit Wasser vermischt, der direkt über heiße Kohlen gestellt wird, bis Dampf aus der Schnauze der Kanne kommt.

Der Kaffee ist dunkel, bitter und wird typischerweise mit mehreren Teelöffeln Zucker gesüßt. Meistens wird dazu Popcorn serviert. Wenn es richtig gemacht wird, ist jebena buna lecker, die brühend heiße und viel zu volle Tasse ohne Henkel zu halten, kann jedoch eine ziemliche Herausforderung sein.

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Tewabech Haile bereitet ‚jebena buna' in einem Café in der Innenstadt von Addis Abeba, Äthiopien, zu.

Niemand, den ich frage, scheint eine Erklärung dafür zu haben, wieso man als Teil dieses Rituals Weihrauch verbrennt. Ich frage mich, ob es wohl etwas mit dem Glauben zu tun hat, dass die drei weisen Männer aus Äthiopien kommen sollen.

„Das ist einfach unsere Kultur", sagt die 18-jährige Tewabech Haile, die bei der Zeremonie dabei ist.

Da wir gerade von Kultur sprechen, fragte ich, warum Männer nie bei Kaffeezeremonien mithelfen, obwohl sie in der Stadt oft Espressomaschinen bedienen.

„Es ist attraktiver, wenn eine junge Frau in einem schönen Kleid Kaffee macht. Ein Mann in einem Kleid würde nicht passen", sagt Haile, die selbst ein traditionelles Kleid trägt, in ernstem Ton.

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Äthiopische Kaffeetassen stehen vor brennendem Weihrauch als Teil der Kaffeezeremonie.

Im Tomoca Café weiter die Straße hinunter trägt der Barista (oder „Baresta" wie auf seinem Namensschild steht) Murad Hayar eine Schürze. Das 60 Jahre alte Café, das auch mindestens so alt aussieht, zieht Geschäftsleute aus der Innenstadt und Touristen an, die alle Äthiopiens besten Kaffee probieren möchten.

„Ich mag jebena buna lieber als Espresso aus der Maschine", sagt Murad, der jeden Tag 30 bis 40 kg Kaffeebohnen mit zwei alten Maschinen zu Kaffee verarbeitet, zu meinem Erstaunen. „Der Espresso aus der Maschine ist hart, jebena buna hingegen ist voller Aromen."

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Mitarbeiter im Tomoca Café in Addis Abeba, Äthiopien.

Das Wort „hart" fällt noch einmal, als ich einen einheimischen Mann frage, welchen Kaffee er lieber mag.

„Ich finde schwarzen Kaffee sehr hart", sagt Omar Hassen, der an einem der Stehtische im Tomoca steht. „Ich trinke ihn mit Milch, damit er leichter ist."

Omar trinkt einen Macchiato, nach jebena buna wohl so etwas wie Äthiopiens zweites Nationalgetränk. Wahrscheinlich hat das Getränk seinen Status im Land nach der italienischen Besetzung im zweiten Weltkrieg gefestigt. Murad sagt, Tomocas erster Besitzer sei Italiener gewesen.

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Ein Macchiato im Tomoca Café.

Äthiopische Macchiati werden in kleinen Gläsern serviert, wie ein Mini-Latte, und der Kaffee wird in die aufgeschäumte Milch gekippt. Die Baristas fragen die Kunden im Tomoca, ob sie ihren Macchiato „normal" oder „stark" haben möchten.

Das nach Kaffee verrückte Äthiopien hält stolz an seinen Traditionen und Geschmäckern fest, immun gegen moderne Einflüsse ist das Land jedoch trotzdem nicht. In den letzten paar Jahren sind zahlreiche Kaffeeketten à la Starbucks in der Hauptstadt aus dem Boden gesprießt.

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CKunden trinken Kaffee im Tomoca Café.

Auch die heimische Fast Food-Kette Kaldi's serviert neben Pommes und Burger Macchiato. Die Ketten ziehe viele gut gekleidete, junge, mittelständische Addis Abebaner an. Aber wieso besucht man eine der Ketten, wenn man in der ganzen Stadt auch äthiopischen jebena buna bekommen kann?

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„Der Kaffee schmeckt gut und es ist nett hier", sagt der 25-jährige Anteneh Sime, der im Bereich E-Commerce arbeitet.

„Meistens trinken wir lieber jebena buna", sagt sein 25-jähriger Freund, der Grafikdesigner ist, „aber ich mag die Abwechslung."

Als ich Anteneh frage, wieso er zwei gehäufte Löffel Zucker in seinen Macchiato kippt, lacht er verschmitzt: „Süße Leute brauchen ein süßes Getränk."

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Yabsira Tesfaye trinkt einen Macchiato im Kaldi's Café im Tele Bole, einem Vorort von Addis Abeba.

Ein weiteres beliebtes äthiopisches Getränk, dessen Namensherkunft sich wahrscheinlich keiner erklären kann, ist Spris. Spris ist eine 50/50-Mischung aus Kaffee und Tee. Wenn es richtig zubereitet wird, schwimmt der Kaffee auf dem klaren Tee. Einen großen Löffel Zucker dazu und das ungewöhnliche Getränk ist perfekt.

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Laut der Internationalen Kaffeeorgansiation ist Äthiopien das einzige Land in Afrika, das eine so starke heimische Kaffeekultur hat. Andere Länder, in denen Kaffee produziert wird, trinken ihr eigenes Produkt scheinbar nicht so häufig.

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Ein Angestellter von Kaldi's.

Welche Art von Kaffee man in Äthiopien trinkt, sagt wahrscheinlich einiges darüber aus, wie viel Geld man hat. Ein Macchiato im Tomoca kostet 12 Birr (52 Cent), während ein jebena buna nur 5 Birr kostet (22 Cent). Der günstigste Kaffee in Addis Abeba ist der, den Frauen auf der Straße aus einer Thermoskanne um 3 Birr (13 Cent) verkaufen.