Mein Outing als Veganerin war schlimmer als mein Coming-out

Menschen interessieren sich mehr für meine Ernährung als dafür, mit wem ich ins Bett gehe.

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Feb. 16 2018, 10:54am

Alle Fotos bereitgestellt von der Autorin

Dieser Artikel stammt aus unserer Redaktion in Zürich.

Für mich war es immer völlig normal, täglich Fleisch oder Milchprodukte zu essen. Ich bin in der traditionellen Ostschweiz aufgewachsen, wurde mit bosnischen Werten erzogen. Zum Frühstück gab es Pura (Polenta mit Milch), zum Mittag Kvrgusa (Teig mit Geflügel und Sauerrahm), zum Abendessen Punjene Paprike (mit Fleisch gefüllte Paprika). Sauerrahm und Joghurt begleiten fast jedes balkanische Gericht. Vegetarier und Veganer habe ich lange belächelt. Wie kann jemand freiwillig auf Cheeseburger oder St. Galler Bratwurst verzichten? Seit einem Monat weiss ich es. Ich habe beschlossen, bei der Veganuary-Aktion mitzumachen und bis auf Weiteres vegan zu essen – und das öffentlich mitzuteilen, war überraschend schwieriger, als meiner Familie zu sagen, dass ich auf Frauen stehe.

"Fehlt dir denn so nicht was im Leben?", "WTF, echt jetzt?" oder "Du? Sicher nicht!" bekam ich zu hören, als ich meiner Familie und meinen Freunden vor sechs Jahren eröffnete, dass ich lesbisch bin. Diese Ausrufe ergänzten sie aber wenigstens um ein "Schön, dass du so sein kannst, wie du bist" und "Mutig, dass du dazu stehst". Dieser Zusatz fehlt heute, wenn mich meine Mitmenschen aufgrund meiner neuen Ernährung dumm von der Seite anmachen. Plötzlich interessiert alle brennend, was ich esse. Jede Mahlzeit wird nun von Kollegen und Freunden auf ihre Zutaten untersucht, sie hinterfragen penetrant, ob auch wirklich alles auf meinem Teller vegan ist. Früher, als es in meinem Leben mehrmals die Woche Pizza, Fleisch und Kebab zum Abendessen gab, kümmerte es niemanden, ob ich denn auch alle wichtigen Nährstoffe und Proteine zu mir nehme.

Essen und Sexualität gehören zu den privatesten Bereichen eines Menschen. Jedoch spielt Sexualität in der Gesellschaft und für unsere Mitmenschen eine Rolle. Meine Eltern machen sich zum Beispiel Sorgen, ob und wie sie Enkelkinder bekommen werden. Aber ob ich mir Fleisch oder Gemüse in den Mund stecke, hat keine sozialen Nachwirkungen auf mein Umfeld. Es ist meine ganz persönliche Sache, was ich esse. Der einzige gesellschaftliche Aspekt daran ist, dass es unserer Umwelt die Lebenszeit verlängert!

Das einzige vegane Gericht auf diesem Bild aus der Vergangenheit: gegrillter Knoblauch

Und trotzdem: Menschen, egal wie offen, modern und belesen sie sein mögen (oder vorgeben zu sein), reagieren viel heftiger darauf, dass ich nun vegan esse, als auf meine Homosexualität. Wieso stört es die Menschen so sehr, was ich esse und was nicht? Ich habe viele dabei ertappt, wie sie sich angegriffen fühlten und daraufhin eine Angriffsfläche bei mir suchen, die allerdings nicht vorhanden ist. Wenn ich sage, dass ich keine tierischen Produkte esse, impliziere ich damit ja nicht, dass ich besser bin als mein fleischfressendes Gegenüber. Leider wird es aber meist genau so interpretiert. Wieso sie sich angegriffen fühlen, ob es Schuldgefühle, Unverständnis oder ein beschränkter Horizont sind? Ich weiss es nicht.

Es könnte auch daran liegen, dass Veganismus, wie auch Homosexualität, für manche nicht "normal" ist. Viele sagen, Menschen hätten doch schon immer Fleisch und Milchprodukte konsumiert, unser Körper brauche diese Ernährung nun mal. Aber nur, weil etwas schon immer so war, heisst das noch lange nicht, dass es richtig ist. Seit der Steinzeit hat sich auch vieles verändert. Während wir früher Mammuts mit Pfeil und Bogen erschossen haben, essen wir heute zum Teil drei Mal täglich Tiere, die nur für die Schlachtung gezüchtet werden. Zudem stammen wir ja auch vom Affen ab und die essen im Übrigen auch so gut wie nie Fleisch. Jetzt wird’s absurd, oder? Aber so sieht mein Alltag neuerdings aus. Absurde Unterhaltungen überall!

Die Ernährungspsychologin Gigia Mettler-Saladin hat eine einfache Erklärung, warum sich manche Menschen so stark für Veganer interessieren und ihre Essgewohnheiten so vehement ablehnen: “Essen wird heute häufig moralisiert. Man definiert seine Identität oder seine Gruppenangehörigkeit über die Ernährungsform, die man wählt. Wer bin ich, wer möchte ich sein, was möchte ich darstellen?” Zudem sei das Essen ein sozialer Akt, bei dem alle wissen, wie sie sich zu verhalten haben. Tanze ich dabei mit meiner veganen Ernährung aus der Reihe, entsteht Verunsicherung, so Mettler-Saladin: “Wenn sich jemand plötzlich für etwas Anderes entscheidet, stellt er die Regeln infrage. Möchte diese Person etwa nicht mehr Teil von uns sein?” Dass ich als Lesbe aber auch kein Teil der Norm bin, stört demzufolge weniger, weil ich mich damit – im Gegensatz zum Veganismus – nicht aufs moralische Siegertreppchen stellen kann. Meine Homosexualität bedroht das Gewissen meiner Mitmenschen nicht. Dass ich als Veganerin im letzten Monat 30 Tierleben retten und 124.917 Liter Wasser, 84 Quadratmeter Wald, 275 Kilo CO2 und 543 Kilo Weizen sparen konnte, schafft das aber schon.

Burger sind schlecht für die Umwelt? War mir früher offensichtlich scheissegal

Meine Sparmassnahmen für die Umwelt sind auch Gründe für mein Experiment, das nun doch länger als einen Monat andauern wird. Das Umdenken haben vor allem vegane Freunde angestossen, die mir nicht erzählten, wie toll sie seien, sondern mir zeigten, wie unsere kollektive Einstellung zum Essen unsere Umwelt beeinflusst. Natürlich weiss jeder (ausser Trump), wie es um den Klimawandel steht. Aber wir sind viel zu bequem, um täglich darüber nachzudenken. Spätestens wenn der (betrunkene) Hunger da ist, steigt auch automatisch die Lust auf Burger. Aber wusstest du, dass die Herstellung eines einzigen Burgers genauso viel Wasser verbraucht, wie wenn deine Dusche zwei Monate am Stück läuft? Ich auch nicht!

Mein zweites Coming-Out war merklich mühsamer als das erste, dennoch bereue ich meine Entscheidung nicht. Dieser vegane Monat hat mir verdammt gut getan, deshalb will ich auch weiterhin auf tierische Lebensmittel verzichten. Ich bin selbst überrascht, wieviel sich zum Positiven verändert hat. Nach dem Essen fühle ich mich fit statt todmüde, ich habe abgenommen, mein Hautbild ist besser, ich koche experimentierfreudiger und habe viele neue Restaurants kennengelernt. Ich habe sogar mehr Energie als vorher. Und die hilft mir jetzt, eure dämlichen Anti-Veganer-Sprüche zu ignorieren. Bis alle endlich verstehen, dass es auf den Menschen ankommt und nicht darauf, was er isst oder mit wem er ins Bett geht.

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