Quantcast
Das abgelegenste (und beste) Restaurant der Antarktis

Hier bekommt man das Gefühl, dass selbst die ISS näher ist als die nächsten Nachbarn. Sieben Gänge, Foie gras und Wein sind trotzdem kein Problem.

Die Arbeit in der Küche ist nie einfach – der Beruf eines Koches erfordert unglaublich viel Präzision, Kreativität und man muss in dieser eigentlich immer stressigen Umgebung einen kühlen Kopf bewahren können. Wenn dann noch widrige Umstände dazukommen wie in der Station Dome Concordia in der Antarktis, einer der entlegensten Forschungsstationen der Welt, wo es monatelang Tag oder Nacht sein kann und die Temperaturen sich irgendwo zwischen -30 und -60° C bewegen, muss die eh schon stressige Arbeit in der Küche gleich um einiges schlimmer sein.

Luca Ficara, der seit November der Küchenchef der Station ist, sieht das jedoch anders.

Luca in der Küche der Forschungsstation

Ein Meeresfrüchtegericht mit Jakobsmuscheln, Garnelen und Gemüse

Als ich mit ihm skypte, war gerade die erste Woche in purer Dunkelheit angebrochen. Doch obwohl er die Sonne für die nächsten Monate nicht wiedersehen würde, war er echt gut drauf. Dort wo er arbeitet herrschen alles andere als „beste Bedingungen", doch trotz der widrigen Umstände sind es eher die kleinen Dinge, die ihm am meisten fehlen. „Vor drei Monaten habe ich das letzte Mal eine Orange gegessen", erzählt er mir mit einer tiefen Melancholie, die man nur nach drei Monaten ohne Orangen empfinden kann.

Luca, der von den anderen Crewmitgliedern auch der „David Copperfield der Küche" genannt wird, kommt eigentlich aus Sizilien, dort hat er fünf Jahre Koch in der Gastroschule in Catania gelernt. Mit seinen 30 Jahren hat er bereits in Australien, England und Spanien gearbeitet. In einer Küche auf dem weißen Kontinent zu arbeiten, war jedoch immer ein kleiner Traum von ihm.

„Richtig geplant, hier zu arbeiten, hatte ich ehrlich gesagt nicht", meint er lachend. „Das war wie beim Lotto: Man kauft ein Los und wenn man Glück hat, gewinnt man. Man träumt immer davon, denkt aber nie, dass man wirklich gewinnt."

Jedes Jahr veranstaltet das italienische Antarktisforschungsprogramm PNRA – das die Station zusammen mit dem Französischen Polarinstitut Emile Victor leitet – eine Art Lotterie, um den nächsten Küchenchef der Station Dome Concordia zu bestimmen. Durch dieses Lotteriesystem hat die Station einen ziemlichen Ruf für ihr Essen erlangt. Lonely Planet beschreibt sie als einen Ort „mit dem besten Essen in der ganzen Antarktis, mit gutem Wein und Sieben-Gänge-Menüs am Sonntag."

Obwohl Luca Ficara nicht damit gerechnet hatte, in der Station zu landen, stellte sich heraus, dass er mit seinem kulinarischen Repertoire perfekt für den Job geeignet ist. Die vom PNRA ausgewählten Köche müssen nicht nur ihr Können im Fach unter Beweis stellen, sondern auch gute Kenntnisse internationaler Küchen vorweisen können, damit sie den Geschmack der 13-köpfigen Wintercrew der Station treffen können: Die Forscher kommen aus England, der Schweiz Frankreich und Italien.

Die Überwinterungscrew lebt in fast totaler Isolation: In den  Wintermonaten, wo es in der Antarktis so kalt ist, dass sogar Flugzeugtreibstoff gefrieren kann und keine Besucher zur Basis kommen können, haben sie nur digitalen Kontakt zur Außenwelt. Unter solchen Bedingungen ist Essen für die Crewmitglieder etwas Besonderes. Bis November sind sie zwar in der Station eingeschlossen, Luca Ficara schafft es aber dennnoch, dass seine Kollegen jeden Abend mit dem Duft nach Foie gras, Yorkshire Pudding oder Pollo alla Parmigiana gedanklich in die Heimat zurückkehren können.

Er versucht aber nicht nur lokale Gerichte zu servieren, sondern jeden Samstag auch Themenabende zu veranstalten, für die er einige seiner aufwendigsten Rezepte zubereitet.

„Hier ist eben jeder Tag wie der andere. Um also ein bisschen Wochenendfeeling zu kreieren, machen wir besondere Events", erklärt er mir. „Für die französische Crew habe ich mich an einem schicken französischen Dinner versucht. Einer sollte Sommelier sein und ich erklärte, wie das Essen serviert werden sollte. Ziemlich stylisch, so was haben wir schön öfters gemacht."

Obwohl Lucas wöchentliche Festessen für eine feierliche Stimmung auf der Station sorgen, wäre das Ganze ohne eine weitere wichtige Zutat eine ziemlich langweilige Party: Alkohol. Die Crew hat eine gute Auswahl an Spirituosen auf der Station, kommt aber nur Samstagabend ran, wenn sie essen, trinken und eine weitere überstandene Woche auf der Basis feiern. Die Crew experimentiert gern mit neuen Cocktailrezepten aus dem Netz, aber vor allem stehen sie auf Wein, den „Lebenssaft" der italienischen und französischen Crewmitglieder.

„Wir haben keinen ganzen Weinkeller, aber wir haben schon ganz schön viel – leider nur französischen", meint Ficara lachend. „Jeder findet zwar den Wein aus seiner Heimat am besten, aber ein Glas Wein ist immer etwas Schönes[, selbst wenn es französischer ist]."

Französischer Käse und selbst gemachte Brotsticks

Kartoffeln, Rote Bete, Krabben mit Limette, dazu eine Balsamicoreduktion

Während des antarktischen Sommers von September bis März wächst die Besatz auf gut 75 Leute an, weshalb Luca ein paar zusätzliche helfende Hände in der Küche braucht. In den Wintermonaten muss er für die verbleibenden zwölf Menschen jeden Tag drei Mahlzeiten auf den Tisch bringen, eine ziemliche Herausforderung, aber manchmal hilft ihm auch jemand. Seine Küche steht allen offen und er gibt seinen Kollegen gern ein bisschen Kochunterricht.

„Meistens bin ich allein in der Küche, aber manchmal unterrichte ich die Crew gern ein bisschen im Kochen. Mit Beth [der englischen Ärztin] habe ich Muffins gemacht oder mit Mario [dem italienischen Leiter der Forschungsstation] habe ich Pizza gebacken", erzählt mir Luca Ficara. Er erzählt ihnen auch Geschichten zu den einzelnen Rezepten. „Solche gemeinsamen Essen sind immer schön, weil wir Erfahrungen austauschen oder unbekannte Zutaten kennenlernen. Für mich gibt es zu jedem Gericht eine kleine Geschichte, ich erkläre also immer, wie ich es gelernt habe."

Mit dem Sommer gibt es nicht nur ewiges Sonnenlicht und viele neue Crewmitglieder, sondern auch immer wieder frisch geliefertes Essen. Ein Luxus für Luca, der ab März nur mit Tiefgekühltem oder Gefriergetrocknetem arbeitet. So aufregend es auch für die Crew ist, Essen zu sehen, das nicht gefriergetrocknet ist, wird es am Sommeranfang kein großes Festmahl geben.

„Das ist jetzt vielleicht überraschend, aber wenn wir frisches Obst oder Gemüse geliefert bekommen, ist es das Schönste, sie ganz natürlich ohne alles zu essen. Einfach eine Tomate zu nehmen und reinzubeißen", erzählt er mir. Im Hintergrund stöhnen seine Kollegen sehnsuchtsvoll beim Gedanken an frisches Obst und Gemüse im November.

Bis die frischen Produkte in die Antarktis kommen, legen sie eine weite Strecke zurück: Die Zutaten werden aus Frankreich, Italien und Australien an die Küste geliefert und müssen dann noch zehn Tag lang die 1.200 km lange Strecke bis zur Station zurücklegen. Luca muss Monate im Voraus planen, was er kocht, und dabei sowohl an Abwechslung als auch an das begrenzte Budget fürs Essen denken. Und bei allem kann er nie sicher sein, dass die Lieferungen auch immer kommen.

„Wein, Obst und Gemüse müssen [auf dem Weg zur Basis] besonders gelagert werden. Ansonsten kommt das Essen gefroren hier an und schmilzt dann beim Auftauen dahin", erklärt Luca. „Dieses Mal gab es das erste Mal seit vielleicht zehn Jahren ein Problem mit einem Flugzeug und wir bekamen nicht alles, was ich bestellt hatte. Man kann nie sicher sein, dass man überhaupt etwas bekommt."

Insgesamt hat Luca seine Zeit auf der Station Dome Concordia genossen, er freut sich aber dennoch, in eine Küche zurückzukehren, die nicht im absoluten Nirgendwo liegt. Und auf all den „Luxus", den das mit sich bringt. Vor seinem Abschied hatte er noch ein paar Tipps für die nächsten Köche auf der Station.

Luca bereitet das Essen für die Crewmitglieder zu

„Das Schwierigste sind die Zutaten. Wir leben hier nicht an einem normalen Ort, das, was wir an Essen haben, ist gefroren, also ist es ziemlich schwer, dem Essen auch richtigen Geschmack zu geben", meint er. „Du solltest immer motiviert sein, eine positive Einstellung haben. Werd niemals faul, probier immer wieder Neues aus."

Alle Fotos: ESA/IPEV/PNRA-B. Healey. Dieser Artikel erschien ursprünglich im Mai 2015 bei MUNCHIES.