Alle Bilder: Elif Küçük

Zwischen NSU und kurdischer Diaspora: Herr Küçük ist ein „Dönermann“

Beate Zschäpe war eine Kundin. Sein Glück war es, dass der NSU immer so weit fuhr, um zu morden.

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20 Mai 2016, 10:52am

Alle Bilder: Elif Küçük

Im Spätsommer 2002 erkennt ein alter Freund Uwe Böhnhardt an einer Kreuzung in Jena. Sie stehen nebeneinander, bevor die Ampel grün wird, fahren über eine Stadtautobahn zum Eichplatz im Zentrum der Stadt. Die alten Bekannten reden eine Weile. Die NSU hat zu diesem Zeitpunkt bereits vier Menschen mit einer Česká erschossen, Kaliber 7,65 mm. Am Rande des Platzes steht Herr Küçük und verkauft Kebab.

Ibrahim Küçüks Laden hat fünf Ecken und drei Fenster, aus denen er Döner verkauft. Dann und wann kommen Senioren und bestellen einen Kinderdöner, ihnen steht der Tresen bis zum Hals. Der Döner kostet 3,50 Euro, das Sterni 1,70 Euro. Wenn man aus dem Fenster nach Norden guckt, übersieht Herr Küçük den Eichplatz in Jena mit seinen 250 Parkplätzen, auf der anderen Seite hat jemand die Deutschlandfahne sehr straff an einem Haus bezogen. Beate Zschäpe kam hier immer vorbei, sie ging gerne Schuhe kaufen, aus Zwickau ist es nicht weit. Sie sei sicher Kundin gewesen, erzählt Herr Küçük. Er erkannte ihr Gesicht, als sie die Aufnahmen veröffentlichten. Am 31. August 2005 überschreibt die Nürnberger Zeitung einen Bericht über einen Mord der NSU so: „,Döner-Mord'—Nun wird bei Banken gefahndet". Ein Begriff war in der Welt, der das Versagen der Behörden beschreibt, der später Unwort des Jahres werden sollte und der den Menschen die Würde absprach, die Opfer der NSU geworden waren. Herr Küçüks holzbeschlagenes Geschäft liegt mitten in Thüringen, es war sein Glück, dass die NSU immer weit reiste, um zu morden. Erst kürzlich wurde der Besitzer des Dönerladens auf der anderen Seite des Platzes zusammengeschlagen.

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An der Decke der Dönersladens hängen Origami-Figuren—eine Kundin hat sie gebastelt—, eine umgebaute Underberg-Dose, in der Gabeln liegen, drinnen sind künstliche Plastikblumen und draußen echte Tulpen, die Herr Küçük aus seinem Garten mitbringt. Zwei Kunden bringen die Einkäufe, die sie für ihn erledigt haben: Mehl und Zucker, Öl und Fritten, Paprika und Käse, fünf Flaschen Rum und sechs Flaschen Wodka. Es sind zwei seiner Stammkunden, viele seiner Stammkunden sind Trinker, sie bekommen etwas zu trinken oder eine Mahlzeit, wenn sie helfen.

Der Škoda Yeti von Herrn Küçük steht nur ein paar Meter weiter, an der hinteren Scheibe wackelt ein Modell von Papst Franziskus freundlich mit dem Kopf. Es geht nach Gera, der Stadt von Otto Dix, dem Maler, der dunkelste Dinge in hellen Farben malte; der Stadt, die finanziell am Ende ist. 12,1 Prozent der Häuser stehen hier leer. Herr Küçük hat hier ein Haus der Gründerzeit gekauft, es ist sein viertes, 2014 hat er begonnen, es zu sanieren. Es liegt mitten in einer Kleingärtnerkolonie, zwischen stillgelegten Gleisanlangen, der Bus der Linie 16 fährt weiter bis zum Bahnhof Zwötzen. Zuerst musste er die wilden Holunderbäume ausreißen, die in dem Gebäude wuchsen, er riss einen Schuppen hinter dem Haus weg und begann mit der Kernsanierung. Das Haus daneben steht leer, erst vor Kurzem ist das Dach eingestürzt, niemand wird es reparieren. Jetzt läuft Wasser in das Haus von Herrn Küçük und das Haus nebenan steht für einen Euro zum Verkauf. Vielleicht wird er es kaufen—um es dann abzureißen, es hilft nichts mehr. Er mag die Häuser die Gründerzeit, er findet sie schön. Er will auch etwas zum Stadtbild beitragen. „Erfurt hat vor 20 Jahren auch mal so ausgesehen. Heute nicht mehr." Für ihn sind die Renovierungen auch Feldzüge, Prüfungen für seinen Erfindungsreichtum, eine große persönliche Befriedigung. „Der Betonstaub macht süchtig", sagt er. Herr Küçük baut den Osten auf. Herr Küçük baut schon lange Häuser.

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In Izmir in der Türkei sind heute ungefähr 65 Prozent der Häuser illegal gebaut, „Gecekondu" heißen diese Gebäude, „in der Nacht gelandet". 1969 kam Herr Küçük nach Izmir, einer Stadt geprägt von Öl- und Schwerindustrie; der Wind drückt die Abgase immer wieder in die Bucht, die Sommer sind sehr heiß. Zusammen mit seinem Vater baute Herr Küçük dort ein illegales Haus, sie hatten sonst nichts, wo sie hätten bleiben können. Er begann als Koch in einem Unternehmen, das die umliegenden Firmen mit Essen versorgte. Die Arbeit war hart und wenn die Angestellten pünktlich um 17 Uhr nach Hause gingen, blieb Herr Küçük noch und half bei den Vorbereitungen für den nächsten Tag. Manchmal ging die Arbeit bis mitten in die Nacht und er und der Chefkoch schliefen in dem Weizenfeld hinter dem Gebäude. Bald war er der zweite Mann im Unternehmen, auch wenn er erst 17 Jahre alt war.

Herr Kücük wurde 1964 im kurdischen Dersim geboren, zu Hause wurde stets Kurdisch gesprochen. Heimlich im vertrauten Familien- und Bekanntenkreis, es war verboten. Und doch verstand er sich nicht als Kurde: „Wir waren echte Türken", sagt er nicht ohne Ironie. Die Assimilierungspolitik der Türkei hatte Wirkung gezeigt. Die kurdischen Ortsnamen waren schon seit Jahrzehnten in türkische umbenannt worden. Kurden existierten offiziell nicht, sie wurden „Bergtürken" genannt und auch die kurdische Sprache verboten. Zeit seines Lebens hatten sich Türken und Kurden bekämpft, mal mehr, mal weniger heftig. Frieden gab es nie. Wenn er in diesen Tagen etwas Zeit findet, sitzt er daheim und spielt Saz. Herr Küçük beschäftigte sich seinerzeit allerdings nicht übermäßig mit seiner Identität. Bis er nach Deutschland kam. 1991 hatte sein Bruder, der als Nachtwächter in eine Ferienanlage arbeitete, eine Unterhaltung mitgehört, jemand suchte einen Koch in Deutschland. Und Herr Küçük entschied, dass seine Zukunft in einem anderen Land liegen sollte. Weg aus Izmir. So machte er sich wieder auf die Reise.

Das Deutsche Konsulat in Izmir lag nur wenige Minuten von seiner Arbeit entfernt und er stellte sich am frühen Morgen an, in die lange Schlange. Papiere bekam er nicht, erst spät verstand Herr Küçük, dass die Mitarbeiter Geld wollten. Herr Küçük erhielt seine Arbeitserlaubnis für drei Jahre. Er ging nach Osnabrück, als „Koch für türkische Spezialitäten", in eine Stadt, in der die Gaststätten sonst „Zum krummen Ellenbogen" heißen. Das war 1991, er ging allein, seine Familie blieb zunächst zurück.

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Seine Chefin war Türkin, er machte die Nachmittagsschicht, von zwölf bis zwei Uhr. Drei Monate besuchte er einen Deutschkurs, aber er lernte viel in der Küche. Er lernte auch Politisches, denn dort arbeitete auch ein junger Mann, der Soziologie studierte. Er dozierte, während er kochte, und Herr Küçük begann, sich mit seiner Identität als Kurde zu beschäftigen. Als seine Familie ein Jahr später auch nach Deutschland reisen durfte, war er ein anderer Mann. Politisch engagiert, die Wände in seiner Wohnung waren mit deutschen Vokabeln beschrieben. „Was haben sie mit dir gemacht?", fragte Mucize, seine Frau. Und auch seiner Chefin war seine Verwandlung aufgefallen. Sie fühlte sich von ihm bedroht und zeigte ihn an, Herr Küçük weiß bis heute nicht genau, warum. Zu einer Verurteilung kam es nie, gehen musste er trotzdem. Er fand schnell eine Anstellung in Lingen im Emsland, nur ein paar Kilometer weiter. Allerdings ist es nicht leicht, die Arbeit zu wechseln, wenn man zeitlich begrenzte Papiere hat. Das hätte gar nicht passieren dürfen. Einen Monat, nachdem Herr Küçük dort angefangen hatte, kam eine Kontrolle des Zolls und fand nicht die richtigen Papiere. Er war nun arbeitslos und von Sozialhilfe abhängig. Es drohte die Ausweisung. Der Chef der Ausländerbehörde wies ihn darauf hin, dass er Asyl beantragen könne, als Kurde wären die Chancen gut. Die staatlichen Stellen sicherten ihnen zu, dass die Familie in Lingen bleiben konnte, die Küçüks hatten eine Wohnung und mussten damit nach Rechtslage nicht in ein Heim. Doch die Behörde entschied sich, sie doch so unterzubringen. In Jena. Herr Küçük musste seine Wohnung aufgeben und verlor seinen ganzen Hausstand, es drohte die Abschiebung.

Wieder suchte Herr Küçük Arbeit und fand sie in einem Hinterzimmer einer alten Bäckerei, wo er Dönerspieße herstellte, Lage für Lage Fleisch, am Ende werden sie zugeschnitten. Aber auch diese Arbeit hätte er nicht antreten dürfen. Das kostete 6000 D-Mark Strafe, er bekam das Geld zusammen und gab es einem Kollegen, der es übergeben sollte. Er hat den Mann nie wiedergesehen, das Geld war weg. Dann erhielt er einen Brief von dem Chef der Ausländerbehörde aus Lingen, es hatte ein Urteil gegeben, die sogenannte Kazım-Kuş-Entscheidung hatte die Rechte der türkischen Immigranten 1992 deutlich verbessert, gesagt hatte es ihnen niemand. Erst als Herr Küçük die zuständigen Beamten auf die Rechtsprechung des europäischen Gerichtshofes hinwies, durfte er bleiben, er war nun nicht mehr auf Asyl angewiesen.

Im Jahr 2000 dann übernahm er den Laden „Yufka" in Jena. Als er begann, hatten die Vorbesitzer für einige Jahre keine Steuererklärung gemacht, in vier großen Kisten lagen unsortierte Rechnungen, das Finanzamt schätze die Steuerschuld auf 30.000 Mark und so war Herr Küçük bankrott, als er anfing. Er müsse Konkurs anmelden, sagte der Steuerberater, sonst drohe ihm eine Anzeige wegen Insolvenzverschleppung. Er wurde damit auch Experte im Steuerrecht, nachdem er sich schon eingehend mit Asyl-, Bau und Arbeitsrecht hatte auseinandersetzen müssen. Das Leben als Versuch, eine Existenz zwischen Paragrafen aufzubauen. Er hielt an seinem Geschäft fest, investierte und war freundlich, die Kunden kamen und die Trinker blieben.

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Um neun Uhr sitzen die ersten vor dem Laden, es gibt Tee oder Kaffee, in der nächsten Runde ist es Grog.

„Ein Bier noch. Hasseröder." „Ooho, wohl im Lotto gewonnen." „Ne, ich trinke jetzt kein Sterni mehr. Nur noch Hasseröder. Oder Köstritzer."

Ein deutscher Gast bestellt „Keçi", „ekmek" und „çay"; Ziege, Brot und Tee. Fladenbrot mit Zwiebeln und Käse, gegrillt, es ist sein Spezialgericht, das gibt es nicht auf der Karte. Er hat von Herrn Küçük ein bisschen türkisch gelernt, hinten im Laden geht die Hefe im Yufka-Teig auf.

Herr Küçük hat sich mit seinen Publikum arrangiert, auch wenn er weiß, dass sie manche Gäste fernhalten: „Mensch ist Mensch für mich, die Trinker sind meine Professoren." Ein Mann sagt: „Ein Hoch auf den Laden. Es ist der beste Ort, den es gibt. Auf dass er für immer bleibt." Tatsächlich soll der Laden immer wieder mal abgerissen werden, mal soll ein Trafohäuschen an die Stelle, mal eine Ausfahrt für den Parkplatz. Herr Küçük wehrt sich gegen die Versuche, einmal sammelt er 2.500 Unterschriften gegen den Abriss. Die Stadt bat zum Runden Tisch, es stellte sich heraus, dass die Polizei nicht glücklich mit diesem Ort war. Die lokalen Hehler hatten sich dort eine Zeit lang getroffen und Diebesgut umgeschlagen. Doch Herr Küçük kann bleiben. Er hat ein Sondernutzungsrecht.

Am 8. November 2011 ruft eine Frau bei der Polizei in Jena an, vier Tage zuvor hatte sie ein Haus in Zwickau zur Explosion gebracht: „Guten Tag, hier ist Beate Zschäpe." Sie lief ziellos durch Jena, hatte ihre Oma noch einmal sehen wollen, bevor sie ihre Flucht beendet. Der Polizist am Telefon wusste nicht, wer sie war, noch war Zschäpe nicht zur Fahndung ausgeschrieben. Die Uwes waren tot, sie hatte nichts mehr zu zu verlieren. Sie nahm sich einen Anwalt und ging in die Landespolizeiinspektion Jena. 880 Meter weiter steht Herr Küçük und verkauft Kebab. So wie jeden Tag.

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