Deutsche Supermärkte sind immer noch schrecklich

Deutsches Essen ist noch immer eine traurige Angelegenheit, findet unser Autor Phillip Turo. Nach seinem letzten Besuch an der Feinkosttheke ging es dieses Mal um die kulinarischen Schrecken, die in den endlosen Gängen eines typisch deutschen...

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Sep. 24 2014, 2:55pm
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Deutsches Essen, finde ich, ist vielerorts immer noch eine traurige Angelegenheit. Nachdem ich beim letzten Mal die Frischetheke unter die Lupe genommen hatte, standen dieses Mal die endlosen Gänge desselben Supermarktes auf dem Programm. Das Setting hat schon mal gestimmt. Der eh schon nervtötende Pop-Song hatte offensichtlich einen Sprung in der Platte, weswegen sich meine „Lieblingsstelle" in einer Endlosschleife wiederholt hat. Und dann ist auch noch vor meinen Augen ein kleines Kind unsanft auf die Nase gefallen. Ich möchte aber eine Sache vorab klarstellen. Es gibt in deutschen Supermärkten viele tolle und leckere Sachen zu kaufen. Doch die Melancholie, die mich eingedenk meines letzten Besuches überkam, hat wohl dafür gesorgt, dass ich auch dieses Mal zielsicher auf solche Produkte zugesteuert bin, die bei mir Beklemmungen auslösten und mir schnurstracks Tränen in die Augen trieben. Frei nach dem Motto: Hier werden Albträume wahr. Doch nun zu meinen Impressionen in Wort und Bild. Viel „Spaß"!

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Schwarze Herren-Schokolade (Pour Messieurs)

Auf den ersten Blick könntest du glauben, dass du es mit subtilem Rassismus in Schokoform zu tun hast, doch wenn du genauer hinschaust, stellst du fest, dass in Wirklichkeit sexistische Anklänge dahinterstecken. Denn Frauen, so scheint es, machen sich nichts aus dunkler Schokolade bzw. haben sich nichts daraus zu machen. Die haben ja schon ihre bunte Ritter Sport zum Knabbern und Knuspern. Oder liegt es am Ende an dieser bestimmten Marke? Ist sie vielleicht für Frauen verboten, weil sie zu stark ist—und Mademoiselle zu schwach? Was würde wohl mit dem zarten Mund einer Frau passieren, wenn dieser mit Herrenschokolade in Berührung käme? Bluten, was sonst!

Darum kann das Urteil nur lauten: abscheulich. Denn wie bei allen Formen von Diskriminierung hat auch diese Schokolade einen (buchstäblich) bitteren Beigeschmack.

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Käsefüße

Beim Anblick dieser Delikatesse drängt sich mir eine äußerst komplexe Fragestellung auf: WARUM? Käse ist doch etwas Heiliges. Und Füße, die nach Käse riechen, haben in deinem (und erst recht in meinem!) Mund nichts zu suchen. Diese Kombination ist einfach nur falsch. Falsch, falsch, falsch. Einfach ein völlig übermotivierter Snack, der nichts weiter als Schluchzen hervorruft.

Jetzt zur Degustation: Die Käsefüße riechen nach Gouda, der bekanntlich zu den wenigen nicht heilig gesprochenen Käsesorten zählt. Das liegt daran, dass Gouda nur ein sehr schwaches (und dabei trotzdem unappetitliches) Käse-Düftchen von sich gibt. „Mein" Käsefuß kommt mitsamt Mini-Zehennägeln, obwohl dieser Eindruck auch dem Gewicht des darüber liegenden Käsefußes geschuldet sein könnte. Und seine Ferse hat zudem eine härtere Textur, genauso wie es sich Fußfetischisten wünschen würden.

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Pom-Bär Sour Cream Style

Diese Chips riechen nach Marmeladen-Donuts, aber haben den Geschmack von Sour Cream und Schnittlauch. Die süßen Bärchen lächeln dich verschmitzt aus ihren Augen-Löchern an. Und ihr Outfit ist voller Grasflecken, weil sie wieder auf grünen Wiesen umhergetollt sind.

Leider haben sie einen gewaltigen Haken. Du kannst nicht aufhören, sie zu essen. Das ist aber gar nicht schlimm, denn vorher treten bestimmt zwei Situationen ein: 1) Du verschlingst so viele von ihnen, bis sie zurückschlagen und deinen weichen Gaumen in blutige Fetzen kratzen. 2) Du bist eh schon ziemlich mitgenommen, weil du einen freundlich winkenden Bären nach dem anderen in die ewigen Jagdgründe geschickt hast, und begehst den Fehler, einen von ihnen umzudrehen und von unten zu betrachten. Vor deinen Augen erscheint ein ausgeweidetes Fabelwesen samt Keimdrüse, das dich jedes Mal, wenn du dich auch nur in die Nähe der Tüte begibst, laut aufschreien lässt.

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Spargelköpfe

Deutsche lieben einfach Spargel, und ganz besonders das weiße Exemplar. Darum existieren für ihn auch so schöne Kosenamen wie „Weißes Gold" oder „Essbares Elfenbein". Es gibt sogar Spargel-Festivals und eine 750 km lange „Spargelstraße" in Niedersachsen, die asparagus-affine Radfahrer durch namhafte Kleinstädte mit Spargeltradition führt. Und wenn du denkst, das sei die einzige Spargelstraße in Deutschland, hast du weit gefehlt.

Warum aber wird diese Gemüsesorte von ihren deutschen Liebhabern nur so respektlos behandelt? Der Spargel schwimmt widerwillig und welk im Glas und erinnert an eine Sammlung von blassen, amputierten Einhorn-Penissen. Die Spitzen brechen im Nu ab und schmieren dir die Finger voll. Dabei schmecken sie mitnichten nach einer ländlichen Fahrradtour, sondern vielmehr nach einer Kopfnuss von der blöden Nachbarsgöre: also nach Blut, Spucke und der rechtlichen Unmöglichkeit von Vergeltung.

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Rosenkohl

Viele Briten mampfen ihn jedes Jahr zu Weihnachten. Sie können ihn zwar eigentlich nicht ausstehen, aber bleiben ihm dennoch treu. Traditionen müssen gepflegt werden, my dear!

In den Gängen dieses deutschen Supermarkts findest du ihn eingelegt in Gläsern. Wenn du sie öffnest, kommt dir ein Aroma von überkochtem Kohl und Gummihandschuhen entgegen. Wie dein schleimiger Onkel, der an Weihnachten all seine Arschloch-Aktionen wieder gutmachen will, gibt dieser Rosenkohl viel zu leicht nach.

Den Rosenkohl zu essen ist eine äußerst bedauerliche Erfahrung. Er schmeckt nach warmem, vollmundigem Fehlgriff und überrascht mit einer kecken Chlor-Note im Abgang. Schon nach dem ersten Biss hast du einen gehörigen Kloß im Hals, wie wenn du gegen Tränen ankämpfst. Am besten isst du ihn mit verschlossenen Augen und in Kampfstellung.

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Bratröllchen (in würziger Marinade)

Eindeutig Typ 5 auf der Bristol-Stuhlformen-Skala. Wenn du sie zum ersten Mal erblickst, glaubst du, es mit Fleisch zu tun zu haben. Doch beim Aufmachen des Glases attackiert dann eine Fischfahne deinen wehrlosen Riechapparat. Es „duftet" nach Hering, der sich zu lange in saurer Marinade verschanzt hat.

Und es ist auch Hering! Nur dass der nach in Essig eingelegten Scotch Eggs schmeckt. Weder Fisch noch Fleisch, schicken diese Bratröllchen deine Geschmacksknospen ins Nirvana. Ein schlimmer Trip. Sorg also dafür, dass ein Kumpel an deiner Seite ist.

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Bockwürstchen

Obwohl sie aussehen wie abgeschnittene Finger eines Mafiosos, der zeit seines Lebens eine Vorliebe für die Sonnenbank hatte, besitzen sie ein rauchiges und wohliges Hot-Dog-Aroma. Und schmecken wie erwartet: nach Schulpartys und einem Austauschjahr in den USA. Die Tristesse hat mit der unwürdigen Unterbringung der Würstchen zu tun. Eigentlich ist Deutschland ja berüchtigt für seine Wurst aus der Tube, doch diesen Kollegen geht es nicht viel besser. Ihrer Freiheit beraubt, stecken sie dicht aneinander gepresst in dem Glas fest. Dabei gehören Bockwürstchen doch in die freie Wildnis, wo sie mit ihren Artgenossen, du ahnst es vielleicht schon, Bock springen können. Hüstel.

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Grießpudding

An Grieß ist prinzipiell nichts auszusetzen, auch wenn er nach leeren Schulkorridoren riecht und eine etwas unheimliche Textur hat. Doch Grießpudding ist eigentlich eine kulinarische Kuscheldecke, die nach Reis, Vanille und Geborgenheit schmeckt.

Warum ist er dann aber in dieser „Best"-of-Liste gelandet? Nun ja, mein Opa, der sowohl Englisch als auch Deutsch sprach, hat mich als Kind manchmal mit Grieß gefüttert. Dabei machte er sich einen Spaß daraus und brüllte mich an: „Eat the grease" (auf Deutsch: „Iss das Schmierfett!"). Diesen glorreichen Linguisten-Witz habe ich als Kind natürlich nicht verstanden (was aber nicht an der englischen Sprache lag). Stattdessen hat er mir damit einen Mordsschrecken eingejagt. Ich schlug wild um mich, weil ich nichts in meinem Mund haben wollte, das für Autos und schweres technisches Gerät vorgesehen war. Doch mein Opa war unerbittlich—ein echter Bad Grandpa—und hat mich damit gefüttert, bis die Tränen flossen. Ich habe meinen Großvater geliebt, doch kann bis heute keinen Grießpudding anrühren.

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Jumbo – Surimi Garnelen in Lake

Was hat der denn jetzt schon wieder auszusetzen, denkst du dir? Schließlich geht's doch um köstliche Garnelen, genauer gesagt um JUMBO-Garnelen! Das würde man jedenfalls denken, wenn man sich die Vorderseite der Verpackung anschaut (und nicht weiß, was es mit Surimi auf sich hat). Hat auch Herr N. aus Berlin gedacht. Bis er dann zu Hause gelesen hat, dass es sich in Wirklichkeit um ein Imitat aus Fischmuskeleiweiß (!) handelt. Seit der Geschichte ist mir leider die Lust am Schwimmen in den schönen Seen im Berliner Umland vergangen, weil ich jetzt weiß, dass die furchterregenden Surimi-Kreaturen auch aus Fischen dieser Gewässer stammen könnten.

Für meine werten MUNCHIES-Leser habe ich trotzdem eine Packung erstanden. Fazit: Sie fassen sich an wie schlecht gemachte Filmrequisite und riechen äußerst künstlich mit einer Note von eingefrorenem Kirschkuchen. Geschmacklich erinnert das „Ganze" (schön wär's) an ein widerwilliges Bad in der eiskalten Nordsee und an den anschließenden Verzehr von kalten Keksen, wenn du—mehr schlecht als recht ins Handtuch eingehüllt—am ganzen Körper zitterst.

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Spanferkel am Stück

Eine Sache vorweg: Ich habe das nicht gegessen!

Warum nicht, willst du wissen? Dann mach doch einfach mal die Augen auf! Ist das Ferkel etwa in der Verpackung erstickt, nachdem es bei lebendigem Leibe darin eingewickelt wurde—nicht ohne ihm vorher sicherheitshalber die Augen auszukratzen? Siehst du nicht die Babyhaut, seinen kleinen, niedlichen Schwanz und—würg!—die Blutstropfen, die durch seinen durchsichtigen Skinny-Sarkophag rinnen?

Fleischessern bleibt für gewöhnlich ein solch unappetitlicher Anblick erspart. Schade eigentlich, flüstert mir mein vegetarisches Engelchen auf der Schulter zu. Auf jeden Fall empfehle ich dringend, das arme Ding klein zu schneiden, damit es nicht allzu sehr nach totem Tier aussieht.

Eine vegetarische Freundin von mir musste bei diesem Anblick bitterlich weinen. Nicht an Ort und Stelle, sondern ein paar Tage später, als sie in der Lage war, die Verdrängung von diesem schockierenden Erlebnis aufzulösen.

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Hühnerbrühe

Wie es sich für Hühnerbrühe gehört, riecht diese Hühnerbrühe nach Hühnerbrühe. So weit, so gut. Die Tragödie nimmt aber spätestens dann ihren Lauf, wenn du die Hühnerstücke aus dem Glas nimmst und sie im Trockenen betrachtest. Im Glas sahen sie noch aus wie schwimmende Erinnerungsfetzen, die melancholisch an das frühere Huhn anspielten. Aus dem Glas befreit erinnert der zerfetzte Vogel eher an einen Terroranschlag, der es ausschließlich auf Geflügel abgesehen hat. Nicht einmal CSI Miami könnte noch seine Identität klären. Lieber Supermarkt, hab ein Herz und hör auf damit, uns Ladenbesuchern die Kehrseite von unseren Lebensmitteln derart plastisch vorzuhalten. Danke.

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Extra zarte Heringsfilets in Mexico-Sauce

Rund 200 Leute sterben jährlich auf Kreuzfahrtschiffen. Auch diesen Fisch, auf dem Weg nach Guadalajara, hat es hingerafft, noch bevor er Mexiko erreicht hat. (Außer du vermutest, dass es sich in diesem Fall eh nicht um ein echtes Land handeln soll, sondern um die Buchstaben M-E-X-I-C-O, die ein gewiefter und scheinbar anglophiler Marketing-Macher aus seiner Buchstaben-Suppe gefischt hat.) Fest steht: Dieser Fisch hat Chilischoten und das feurige Zischen der mexikanischen Küche nie kennenlernen dürfen.

Fotos: Dominic Blewett