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Die 1000 Jahre alten Gärten Ägyptens

In einem abgelegenen Teil der ägyptischen Halbinsel Sinai wurden uralte Gärten, die früher von Beduinen bewirtschaftet wurden, immer mehr vernachlässigt. Als die Tourismusbranche durch die Revolution 2011 einen starken Einbruch erlitt, kehrten die...

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12 November 2014, 9:05am

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Die ägyptische Stadt St. Katherine liegt am Ende einer staubigen Straße, die sich durch die zerklüfteten, rostbraunen Berge, die vom Wetter etwas mitgenommenen Palmen und die militärischen Kontrollpunkte schlängelt, an denen gelangweilte Teenager sitzen. Wo die Straße aufhört, beginnt die Stadt, die sich perfekt in das Tal der Gebirgskette schmiegt, mitten in der kahlen Wüste.

Außerhalb der Stadt sehen die Berge staubtrocken aus. Drinnen aber führen Kanäle und Erdspalten zu smaragdgrünen Wasserbecken. Wunderbar duftende Flecken wilder Minze wachsen zwischen den gewundenen Kamelspuren. Ein Netzwerk aus schwarzen Leitungsrohren, die das Wasser durch die dürre Landschaft befördern, umranden die Berge und Täler. Wilde Esel spazieren durch die Wüste und knabbern an Pflanzen und Obstbäumen. Für die Beduinen, die hier leben, sind die Berge Lebensgrundlage, Therapie und Hausapotheke.

,,Wir haben 33 verschiedene medizinische Kräuter—für den Bauch, Kopfweh und die Zähne—sie dienen als Heilmittel für alle Krankheiten", sagt Faraj Mahmoud, der, wie viele anderen Beduinen, alles ein bisschen macht, so scheint es.

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Wenn man die Wege durch die Stadt entlang läuft, tauchen immer wieder durch Mauern abgetrennte Felder auf. Manche sind karg, andere sind voller rubinroter Granatäpfel, die fast aus den Nähten platzen, idyllischer Mandelhaine und schimmernder Olivenbäume. Das sind die Garten der Beduinen. Sie sind 1000 Jahre alt und dienen der selbstversorgenden Landwirtschaft. Beinahe wurden sie vom Tourismus und dem globalen Lebensmittelhandel ausgerottet, aber mittlerweile befinden sie sich wieder inmitten eines Wiederaufstiegs in der beduinischen Gemeinschaft in Südsinai.

Während der letzten drei Jahre ist der internationale Ruf Ägyptens im Sturzflug gesunken. Die Gewalt während der Revolution und die sporadischen Terroranschläge haben die Touristenmassen verscheucht. Besonders Sinai scheint an den Ängsten der Touristen anzuknüpfen: Entführungen, Selbstmordattentäter, Waffen- und Drogenschmuggel und Menschenhandel. Diese Dinge passieren natürlich im ganzen Land, aber in Sinai kommen sie zusammen. Und wegen der Nähe zu Gaza berichten die Medien häufiger darüber, als von den abgelegeneren Gegenden des Landes.

Fünfzehn Beduinenstämme sind in Sinai beheimatet. In St. Katherine sind die Gebeleya der wichtigste Stamm. Ursprünglich wurde eine Truppe angestellt, um dort das Kloster zu beschützen. Die Gebeleya blieben aber und wuchsen auf eine 8000 Personen starke Gruppe an. Beduinenstämme sind grundsätzlich durch ihre geografische Lage getrennt. Die Stämme an der Küste haben anderen Praktiken, als die in der Wüste oder den Bergen. Eins haben sie aber gemeinsam: Sie wissen alle extrem viel über ihre Umgebung. Für die Gebeleya (in etwa „vom Berg") ist es das Hochgebirge von Südsinai.

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„Mein Großvater und andere gingen immer von hier zum Suezkanal", sagt Nasser, ein Bergführer und gelegentlicher Bauer im Garten seiner Familie. „Sie brachten Zuckerrohr aus Kairo, reisten nach Scharm esch-Scheich ins Gebirge, wo sie an der Bergspitze ein großes Feuer machten." Wenn die Saudis das Feuer auf dem Berg sahen, wussten sie, dass der Zucker fertig war. Sie überkreuzten den Kanal von Aqaba nach Sinai, um Zucker gegen Tee, Kaffee und Gewürze zu handeln.

Jahrhunderte lang liefen die Geschäfte so ab. „Die Leute aus dem Hochgebirge kennen Leute von der Küste, die mit Fisch handeln und ihn monatelang aufbewahren können", sagt Mohamed Khedr Al Jebaali, ein Mitglied der Community Foundation for South Sinai, eine lokale NGO, die daran arbeitet, die Gärten wieder in ihren ursprünglichen Zustand zu bringen.

Die Höhenlage und das Quellwasser ermöglichte ihnen, eine Vielfalt an Nutzpflanzen anzubauen: Quitten, Äpfel, Mandeln, Granatäpfel, Aprikosen, Trauben, Feigen, Oliven und Birnen—unter anderem. Alles, was nicht gegessen wurde, wurde getrocknet und für den harten Winter aufgespart. Die Früchte, das Öl und die Nüsse konnten sie für Dinge eintauschen, die sie selbst nicht anbauen konnten.

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Irgendwann in den 1980er-Jahren kamen immer mehr Touristen nach St. Katherine. Weil sich zahlreiche religiöse Monumente in Südsinai befinden und sich ein beträchtlicher Teil der biblischen Geschichte hier abspielte, zieht die Gegend viele religiöse und Pilgerreisende an. „Die Mönche sagen: Jeder, der hier vom Wasser trinkt, muss zurückkommen", sagt Mahmoud.

Mit den Touristen kam auch das Geld und bald tauschten die beduinischen Männer die Arbeit in ihren Gärten gegen Jobs in den Städten ein, in Restaurants, als Bergführer oder in Fabriken.

Am Ende der Besetzung Israels wurden die Einwohner von Sinai zurück auf das Festland getrieben. Das Leben wurde teuer und die stundenlange harte Arbeit und das Wandern waren plötzlich weniger verlockend, als das einfache und schnelle Geld der Touristen. „Sie vergessen, wie man mit wenig überlegt", sagt Khedr. „Davor hatte unsere Familie nicht viel zum Leben: Wir hatten die Gärten und die vereinfachten das Leben." Plötzlich tauchten Obst und Gemüse aus dem Ausland auf den Märkten auf und stellte die kleinen Mengen an regionalen Produkten in den Schatten.

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„Die jungen Beduinen vergessen langsam, wie man sich in den Bergen zurechtfindet. Sie nehmen immer die gleiche Route. Die meisten Leute arbeiten heute in der Stadt", sagt Khedr. Im Winter 2014 starben vier junge Ägypter, als sie auf einem Pfad in der Nähe von St. Katherine von starkem Nebel umgeben waren. Sie waren mit einem unerfahrenen Beduinenführer unterwegs, der sie alleine auf dem Berg zurückließ auf der Suche nach Hilfe. Dann kam ein Sturm und die Wanderer wurden vom Regen komplett durchnässt. Sie starben schließlich an Unterkühlung, nur wenige Meter von einem Unterschlupf entfernt.

Über die Jahre hinweg wurden die Gärten immer mehr vernachlässigt und das Wetter belastete sie schwer. Überschwemmungen spülten die Grenzwände weg und das Netzwerk von schwarzen Leitungsrohren, die jeden einzelnen Garten bewässern, trocknete aus und bekam Risse.

Dann kam 2011 die Revolution. Der Tahrir-Platz in Kairo und andere große Städte wurden von Demonstranten, Journalisten, Schlägertypen, Verkäufern, Streitkräften und Polizisten besetzt. Ägypten stieg in die scheinbare Anarchie ab. Deshalb sagten die Touristen ihre geplanten Reisen ab und die überaus wichtige Tourismusbranche des Landes brach zusammen.

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Die Stammesangehörigen der Beduinen arbeiteten im Tourismus und waren plötzlich arbeitslos. Darunter litt die Gemeinde. Nur wenige Beduinen haben einen Universitätsabschluss und ihr Lifestyle ist für einen Bürojob nicht gerade förderlich. Die Beduinenstämme bekommen in den Resorts in Scharm esch-Scheich keine Arbeit und bekommen so auch nichts vom Geld ab, das die britischen und russischen Touristen hier ausgeben. Manche haben die Gemeinschaft daraufhin verlassen, manche fingen an, Opium anzubauen. Andere wandten sich wieder den Bergen zu.

„Das ist es, was ein Beduine braucht", sagt Khedr. „Du musst ihn nur ein bisschen unter die Arme greifen und schon pflegen sie ihre Gärten wieder. Mit einem Garten hat ein Beduine eine Anlage, er hat etwas auf seinem Land. Ein Stück Land ist für uns immer etwas wert." Bisher, sagt er, funktioniert die Initiative. In einem Jahr haben ein Drittel der Familien in St. Katherine ihre Gärten wieder bewirtschaftet.

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Das ist besonders im Hinblick auf den schlechten Ruf rund um Ägyptens Esskultur bedeutend. Die Grundnahrungsmittel des Landes—tameya (ägyptischer Falafel), foul und koshary—sind billig, sättigend und werden in großen Mengen produziert. Ein großer Teil des Ertrags in Kairo wird mit Abwasser von den umliegenden Dörfern gezüchtet. Der Rest wird mit Fördermitteln der Regierung importiert. Zu den Gärten zurückkehren bedeutet in gewisser Weise, wieder einen Schritt in die Vergangenheit zu machen. Aber es ist auch ein Schritt nach vorne in Richtung einer gesünderen und nachhaltigeren Esskultur in Ägypten.

„Die Gärten sind auch ein Geschäft. Natürlich kann man mit den Touristen schnelles Geld machen", sagt Mahmoud. „Aber von den Gärten können wir sehr, sehr lange leben."