Die Blutspur des Sojas: Anton Hofreiter erklärt, warum wir an der Flüchtlingskrise Mitschuld tragen

Der Fraktionschef der Grünen im Bundestag erklärt uns, warum er die Politik der EU als „zynisch“ empfindet.

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Dez. 7 2016, 10:50am

Alle Bilder: Christophe Gateau

Das Problem wird erst dann zu einem Nachrichtenbild, wenn die Menschen aus Afrika ihre Boote in das Meer schieben. Viele haben eine ähnliche Geschichte hinter sich, viele waren davor Bauern in den Ländern unterhalb der Sahara gewesen. Und sie mussten aufgeben, weil sie das Angebaute nicht so billig verkaufen konnten, damit jemand von ihnen es gekauft hätte. Gefrorenes Hühnerfleisch, Milchpulver oder Tomatenkonserven aus den europäischen Ländern sind in Afrika vielerorts günstiger zu bekommen als Produkte, die vor Ort hergestellt werden. Die Kleinbauern stehen unter einem beständigen Druck, dem jedes Jahr viele Tausende nachgeben müssen. Und das ist kein kleines Problem. Während hier in Deutschland etwa drei Prozent der Bevölkerung in der Landwirtschaft arbeiten, sind es in den vielen Ländern Afrikas zwischen 50 und 70 Prozent der Menschen. Diese Menschen sind schutzlos, ihre Länder lassen die Waren aus der EU ungehindert ins Land, Verträge mit der Welthandelsorganisation WTO verpflichten sie dazu. Als Gegenleistung gibt es Entwicklungshilfe aus den Ländern der EU.

Der Kleinbauer in Afrika, der seine Kühe mit der Hand melken muss, ist keine Konkurrenz für die großen, automatisierten Ställe in Europa. Die bekommen noch dazu Subventionen aus dem Haushalt der EU, 50 Milliarden Euro Jahr für Jahr. Und die kommen zu großen Teilen nicht den kleinen Bauern in Deutschland zugute, sondern den Großbetrieben. Anton Hofreiter nennt diese Politik „zynisch": Sie entzieht Millionen von Menschen ihre Lebensgrundlage. Er ist einer der beiden Fraktionsvorsitzenden der Grünen im Bundestag und hat ein Buch über das Problem geschrieben, Fleischfabrik Deutschland heißt es. Im Interview macht er eine „blutige Spur" aus, vor der die Menschen fliehen.

Grenzübertritte versucht die europäische Grenzschutzagentur Frontex zu verhindern, indem sie schon tief in Afrika aktiv ist. Sie berät die Länder in Subsahara-Afrika dabei, wie sie ihre Grenzen effektiv schließen können. Das verschärft das Problem weiter. Denn viele dieser Grenzen bestanden bisher nur auf dem Papier, die Landarbeiter dort waren es gewohnt, diese Grenzen zu übertreten. Sie sind Wanderarbeiter und immer dort beschäftigt, wo gerade Saison ist. Sie folgten der Arbeit, nun soll auch das nicht mehr möglich sein.

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Anton Hofreiter. Alle Fotos: Christophe Gateau

MUNCHIES: Ihrer These nach verursacht die Agrarpolitik der EU Flucht aus Afrika.
Anton Hofreiter:
Es gibt natürlich hausgemachte Probleme, wie zum Beispiel Korruption in einigen Staaten. Aber auch die europäische Agrar- und Handelspolitik trägt dazu bei, dass Tausende und Abertausende von Kleinbäuerinnen und Kleinbauern aufgeben müssen und sich einige davon dann neue Perspektiven in Europa suchen. Besonders die Geflügelfleisch- und Milchpulverexporte sind ein Problem. Dadurch sind in einer ganzen Reihe von Ländern, z. B. in Burkina Faso, kleinbäuerliche Strukturen zusammengebrochen. Es sind Menschen aus Afrika auf mich zugekommen, die mir erzählen: „Ich bin pleitegegangen, weil ich nicht so billig produzieren konnte. Als ich losging, wusste ich nicht, wie gefährlich der Weg ist. Aber jetzt bin ich hier, um meine Familie zu ernähren."

Sie haben diese Politik „zynisch" genannt. Warum?
Die Armut afrikanischer Bauern wird von uns Europäern bedauert, gleichzeitig aber trägt das jetzige europäische Agrarsystem zu dieser Armut bei—das finde ich zynisch.

Sie beschreiben in Ihrem Buch, wie es dazu kam, dass Deutschland mehr Fleisch herstellt, als die Menschen hier konsumieren, und fordern eine „Agrarwende". Warum ist das so wichtig?
Die Ställe wurden immer größer, die Transporte billiger. Deutschland importiert Gen-Soja als Futtermittel in großem Stil aus Südamerika. So viele Tiere, wie wir hier in Deutschland produzieren, können wir gar nicht selber ernähren. Wir nehmen dafür eine Fläche von der Größe Mecklenburg-Vorpommerns in Südamerika in Beschlag, wo Soja angebaut wird, das in Deutschlands Großställen verfüttert wird. In Extremfällen ist das eine „die tödliche Spur des Sojas", die in Brasilien anfängt und in Afrika endet. In Brasilien werden Kleinbauern und Indigene von den Flächen vertrieben, wo dann später Soja angebaut wird. Allein dieses Jahr sind in Brasilien schon 39 Kleinbauern ermordet worden.

Ein kritischer Punkt sind neben der Produktion die Handelsbeziehungen. Wie kann es sein, dass Organisationen wie die WTO—in denen die europäischen Länder ja einiges Gewicht haben—in Afrika darauf drängen können, dass die Zölle runtergehen und Europa seinerseits seine Zölle behalten kann?
Das Problematische in Europa sind weniger die Zölle, sondern dass hier die meist exportorientierte Landwirtschaft subventioniert wird—und zwar mit jährlich mehr als 50 Milliarden Euro. In Deutschland fließen über 25 Prozent des Geldes an die größten drei bis vier Prozent der Betriebe. Solche Großbetriebe exportieren dann auch in afrikanische Länder. Und dort ruinieren Regierungen eine der wichtigsten wirtschaftlichen Basen ihres Landes selbst, wenn sie die Zölle senken. Die üblichen Erklärungen sind: Weil sie von Europa unter Druck gesetzt werden, weil Zollsenkungen und Freihandelsabkommen verknüpft werden mit entsprechenden Entwicklungshilfezahlungen oder weil die landwirtschaftliche Produktion in afrikanischen Staaten selbst unproduktiv sei. Ein Beispiel: Tomaten sind ein Grundnahrungsmittel in Ghana. Die Ghanaer haben früher fast alle ihre Tomaten selber produziert und dann aber auf Druck der Europäischen Union die Importzölle für Tomatenkonserven aufgehoben. Die regionalen Tomatenmärkte sind zusammengebrochen—die Söhne der Tomatenbauern findet man inzwischen auf den Plantagen Italiens und Spaniens als billige Arbeitskräfte.

Ich habe im Vorfeld mit Prof. Dieter Kirschke gesprochen. Er ist Forscher für Agrarpolitik an der HU Berlin. Seiner Meinung nach ist Ihre These hergeholt. Sie würden eine Politik kritisieren, die es so nicht mehr gäbe.
Ja, das ist immer die übliche Behauptung—weil sich die Form der Subvention geändert hat. Früher gab es noch direkte Subventionen auf das Produkt, wenn es in ein anderes Land exportiert wurde. Jetzt stellen wir uns etwas ganz Simples vor: Sie haben einen Betrieb in einem Land und ich habe einen Betrieb in einem anderen Land. Ich krieg' Hunderttausende von Euro an Subventionen für die Fläche, auf der ich meinen Betrieb habe, und Sie kriegen keine Subventionen. Ist das ein fairer Wettbewerb?

Ich lasse das mal als rhetorische Frage stehen.
Deshalb ist das Argument immer total verkürzt. Wenn jemand sagt: „Die spezifischen Exportsubventionen sind weg", ändert das ja nichts daran, dass die EU immer noch 50 Milliarden ausgibt. Und zwar so, dass gerade die Großbetriebe davon profitieren und Produkte so billig angeboten werden, dass lokale Produzenten nicht mithalten können.

Die Angst in Europa vor Migration ist im letzten Jahr sehr, sehr groß geworden, was dazu führt, dass Frontex mittlerweile tief in Afrika operiert und Grenzen schließt, die eigentlich immer relativ offen waren—und auch notwendigerweise offen waren, weil die Wirtschaftsbeziehungen sich nicht um diese Grenzen scheren, etwa Wanderarbeiter.
Europa hat auf die Migrations- und Fluchtbewegung aus Afrika so reagiert, als ob die EU-Außengrenze südlich der Sahara verläuft. Statt Abschottung und Deals mit autoritären Regimen wäre die bessere Lösung, einfach keine Politik mehr zu machen, die dazu beiträgt, dass die Menschen ihre Lebensgrundlage verlieren. Wir müssten zu einer Handelspolitik kommen, die diesen Ländern ermöglicht ihre kleinbäuerlichen Strukturen zu schützen. Man kann nicht sagen: „Na, dann geben halt ein paar Kleinbauern auf." Das sind Millionen von Menschen. In vielen dieser Länder sind zum Teil über 50 Prozent der Menschen Kleinbauern. Wir müssten davon abrücken, bei uns Agrarpolitik zu machen nach dem Muster „Wachse oder weiche"—wir sollten auch unsere eigenen bäuerlichen Strukturen schützen. Wir bräuchten eine Agrarwende weg von Quantität, stärker hin zu Qualität.

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Der Präsident des Deutschen Bauernverbandes, Joachim Rukwied, hat Ihnen mangelnde Sachkenntnis vorgeworfen, wenn Sie über das Thema sprechen. Warum tun sich die deutschen Bauern und die Bauernverbände so schwer mit den Grünen?
Man muss einen großen Unterschied machen zwischen den einzelnen Landwirten und dem Verband. Ich glaube, die tun sich deshalb so schwer, weil über Jahrzehnte das zentrale Dogma des Bauernverbands war: „Wir müssen weltmarktkonform werden." Das Dogma halten wir für falsch. Nicht nur aufgrund der bäuerlichen Strukturen in Südamerika und in West- und Zentralafrika. Am Ende ist es auch fatal für die Bauern bei uns. Das haben wir zuletzt in der Milchkrise gesehen.

Es ist jetzt in Afrika sehr viel zerstört worden: Strukturen, Wissen, Wertschöpfung. Was gibt es dann da für Wege, das zu reparieren?
Manche afrikanische Staaten wehren sich. Kamerun zum Beispiel hat den Import von gefrorenem Geflügelfleisch verboten, das war 2006. Und seitdem haben sich die kleinbäuerlichen Strukturen erholt. Aber natürlich müssen wir auch bei uns ansetzen. Gerade für Afrika wäre die schnellst greifende Maßnahme eine faire Handels- und Fischereipolitik, um den dortigen Ländern die Möglichkeit zu geben, geschwächte lokale Produktion zu schützen, Arbeitsplätze und Einkommensmöglichkeiten zu schaffen und selber zu bestimmen, welche Produkte sie in ihr Land lassen wollen. Die Länder sollen ihre Ernährungssouveränität zurückbekommen.

Herr Hofreiter, ich bedanke mich für das Gespräch.
Nichts zu danken. Freut mich.