Titelbild: Screenshot VICE Video

Das ist die "Schrippen-Mutti" von Berlin

Es ist eine bittersüße, irre Geschichte, wie aus Inge Schulze die stadtbekannte „Schrippen-Mutti“ wurde und damit das, was man in Berlin ein „Original“ nennt.

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März 17 2017, 10:43am

Titelbild: Screenshot VICE Video

Es kommt vor, dass Inge Schulze auf der Straße angebrüllt wird. „Schrippen-Mutti!", rufen sie dann und freuen sich sehr, denn so kennt man sie in Berlin. Seit nun 25 Jahren fährt sie durch das Berliner Nachtleben, raucht da und dort eine Fluppe und verkauft belegte Brötchen. „Schrippen" eben: Hackepeterbrötchen, Käse und Schinken, Schnitzelbrötchen. Und ihre hausgemachten Buletten, die ihre Kunden so lieben. 100 Brötchen verkauft sie in einer Nacht, zwei bis drei Mal ist sie die Woche noch unterwegs. 0.30 Uhr verlässt sie das Haus, 4.00 Uhr ist sie meist wieder da. Mittlerweile ist sie 77, es fällt ihr immer schwerer, das Haus zu verlassen. Spaß macht es ihr aber spätestens dann, wenn sie in die erste Bar kommt.

Die Schrippen-Mutti in ihrer 380 qm (!) großen Wohnung in Berlin Wedding. Bilder: Marie Weikopf

Sie genießt ihren popstarhaften Auftritt. Die Leute lachen und freuen sich, nehmen sie in den Arm, albern mit ihr herum und lassen sich von ihrem sagenhaften Repertoire an Sprüchen beeindrucken. Sie wollen ihr einen Drink ausgeben, überall soll sie einen mittrinken und von sich erzählen. Sie nimmt dann einen Kaffee. Wenn ihr jemand krumm kommt, fragt sie: „Was ist mit dir los, bist du gegen die Wand gelaufen?" Die Polizisten kennen sie, die Bar- und Bordellgäste, die Taxifahrer und auch die Busfahrer grüßen sie, wenn sie sie in ihrem Piaggio-Roller überholen. Sie fährt ein dreirädriges Modell – eine „Ape" –, das höchstens 25 Kilometer in der Stunde schafft. Er ist gedrosselt, weil Inge keinen Führerschein hat.

Als sie das erste Mal rausfuhr, 1992, da hatte sie noch einen einfachen Roller und belieferte eine Handvoll Bordelle. Sie hatte eine Annonce in der Zeitung gelesen, jemand suchte eine Hilfe, die ihr die Brötchen schmierte. Das konnte sie, sie hatte im KaDeWe kalte Speisen zubereitet - als „Kaltmamsell", wie sie das noch nennt. Zwei Jahre wollte sie den neuen Job machen. Sie wusste zunächst nicht, dass sie für ein Bordell arbeitete, bis man sie bat, auch einmal mit rauszufahren. Die Prostituierten wollten die Frau kennenlernen, die ihnen so gute Brötchen macht.

Der Mann, der sie eingestellt hatte, besaß vier Bordelle und einige Kneipen in der Stadt. Zu Beginn fühlte sie sich dort unwohl, mit dem Milieu hatte sie bis dahin nichts zu tun gehabt. Doch sie begann, sich mit den Frauen zu unterhalten. Manchmal auch, weil die Frauen sich gerade nichts kaufen konnten – wenn sie noch keinen Freier gehabt und kein Geld verdient hatten. Sie berichteten, wie es für sie war, wenn sie krank wurden. Prostituierte durften sich damals nicht versichern, ein Besuch beim Arzt konnte sehr schnell sehr teuer werden. Oft mussten sie sich das Geld bei ihren Zuhältern leihen, die ihnen das vom Gewinn wieder abzogen und dazu noch hohe Zinsen verlangten. Inge Schulze verschenkte dann ihre Brötchen, die Prostituierten begannen ihr zu vertrauen. Damit wurde aus Inge die „Mutti", wie sie sich heute selbst nennt: „Mutti sieht alles, Mutti hört alles und Mutti weiß alles. Mutti sagt aber nichts." Sie will, dass alle mit Respekt behandelt werden: „Jeder Mensch hat ein Herz und ich möchte keines davon zerstören", das ist ihre Losung.

She really is an angel.

Von da an hat sie sich auch immer sozial engagiert. Mit ihren Einnahmen bessert Inge ihre Rente ein wenig auf, was sie nicht verkaufen kann, geht an die Obdachlosen am Bahnhof Zoo. Dort fährt sie nachts hin und sieht nach ihnen. Inge war immer schon liebevoll gewesen. Lange Zeit kümmerte sie sich um Dieter, den sie nur „Diddi" nennt und den sie schon kannte, als er noch ein kleiner Junge war. Später hat Diddi eine gute Freundin geheiratet, die kurz darauf verstarb. Sie nahm ihn in ihre Obhut, drohte seinem Vater Prügel an, wenn er sich ihm noch einmal nähern sollte. Der hatte ihn als kleinen Jungen schon schlecht behandelt. Diddi verbrachte viel Zeit mit Inge, half bei ihrem Geschäft, trug die schweren Kisten ins Auto und packte im Haushalt an, wo es nötig war. Wenn Inge nicht da war, passte er auf die Wohnung auf. Doch Diddi trank zu viel und kannte die falschen Leute. Einer seiner Bekannten brach eines Tages in seine Wohnung ein und erschlug ihn im Rausch von hinten. Inge weiß bis heute nicht, wieso.

Diddi war es auch, der drei Katzen mit in die Wohnung brachte. Inge hatte Tiere immer gemocht, aber erst dann wurde sie auch zur Katzenmutter. Vier Katzen hat sie heute noch, eine davon ist „Käpt'n Dreibein", die ein Bein verlor, als sie krank wurde. Wenn die Katzen sterben, kommen ihre Urnen in eine mannshohe Vitrine in der Wohnung. Sie sagt, sie hätte auch die älteste Katze der Welt besessen, sie sei 26 Jahre alt geworden. Überprüfen lässt sich das nicht.

Ein paar Regeln am Steuer und der „Community Star" 2015. 

„Der Sensenmann fährt hier immer vorbei, findet aber keinen Parkplatz", sagt sie in ihren melancholischen Momenten. Die kommen und gehen, und ein paar Minuten später sitzt sie auf ihrem Stuhl und wirft sich vor Lachen so fest in den Stuhl, dass ihre Krümelmonster-Schlappen den Boden nicht mehr berühren. Sie denkt oft an ihren Tod und wie es dann mit dem Geschäft weitergeht. Sie findet keinen Nachfolger, das Rezept für ihre selbst gemachten Buletten will sie erst dann weitergeben, wenn sie merkt, dass es für sie bald vorbei ist.

Davor will sie aber bitte noch Urlaub machen, sie möchte nach Italien. Sie wird ihren Piaggio Ape nehmen und mit maximal 25 Kilometern in der Stunde in den Süden fahren. Bis hinunter in die blauen Grotten von Capri.