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WTF

Schon vom #Buttholegate gehört? Lohnt sich

Ein Kind und ein veganes Café und das Internet. Das bedeutet Drama.

Hilary Pollack

Hilary Pollack

Nachdem was 2017 alles im Internet passiert ist, gibt es wohl nur noch wenige News, die noch wirklich komisch, absolut abgefahren klingen, denn es ist fast nichts mehr unmöglich. Letztes Wochenende hat der US-Präsident Donald Trump ein Meme von sich selbst getwittert, wie er beim Wrestling einen Gegner mit CNN-Logo auf dem Kopf niederschlägt; eine kurze Aufregung und nach ein oder zwei Tagen war alles vorbei. Gestern hat der Sockendesigner-Bruder von Kim Kardashian Blac Chyna auf Instagram bloßgestellt – inklusive Nacktfotos – und nach nur wenigen Stunden war im Netz wieder alles beim Alten. (Zum Vergleich: Vor vier Jahren hat Miley Cyrus' angeblich skandalöse Show mit Robin Thicke bei den MTV VMAs 2013 noch Wochen, ja sogar ein Jahr später noch für tiefsinnige Artikel gesorgt – dieselbe Show wäre heute wohl nur ein kurzes Aufflammen in unserem täglichen Newsfeed voller Verrücktheiten.)

Doch in dieser Juliwoche passierte im Internet etwas wirklich Verstörendes. Und alles begann an mit einer schlechten Bewertung für ein veganes Café in Memphis, Tennessee.


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Das Imagine Vegan Cafe – was für ein schöner Name – ist das familiengeführte Restaurant von Adam und Kristie Jeffrey. Der Laden sagt von sich selbst: "Einfach gutes Essen in einer lockeren Atmosphäre" – ein Ort, "wo Behaglichkeit und Leidenschaft zusammenkommen". Auf der Karte gibt es veganes Hähnchen oder vegane Quesadillas. Der Kuchen sieht auch toll aus.

Doch gestern hat TwitterUser @curtofranklin eine ungewöhnliche Bewertung auf der Facebook-Seite des Cafés entdeckt und sie mit dem Twitteruniversum geteilt:

In der Rezension von einer gewissen Chelsea Bartley heißt es, dass bei ihrem Besuch "ein splitterfasernacktes Baby umherrannte" und sich mit seinen dreckigen, nackten Füßen auf den Tisch stellte und der Kundin sein, nun ja, Poloch zeigte. (Beim Schreiben dieses Satzes habe ich mich ziemlich unwohl gefühlt und ich hasse es, dass mein Name für immer über diesem Artikel über ein Kleinkind, das einer besorgten Kundin mit Appetit auf einen Veggie-Burger seinen Anus zeigte, stehen wird. Aber das hier ist das Internet und mir bleibt nichts anderes übrig, als diesen Premium-Content mit der Welt zu teilen. Also schreibe ich mal weiter.) Chelsea Bartley schreibt auch, dass ein weiteres Kind auf sie zukam und "irgendwie anfing, zu jodeln" und sie beim Essen anstarrte.

"OK, ich verstehe, dass das ein Familienrestaurant ist und Kinder komische Dinge tun, aber hier rannte ein nacktes Baby 15 Minuten rum während das Personal nur am Rand steht und quatscht und darüber lacht", schreibt Chelsea weiter.

Die Rezension – gleichzeitig witzig, ekelhaft und einfach nur weird – kann man immer noch auf der Google-Seite des Cafés lesen. Doch die Diskussion über das Poloch des Kindes der Besitzer verlagerte sich irgendwie auf die (zur Zeit deaktivierte) Facebook-Seite des Cafés – wo alle großen Auseinandersetzungen unserer Zeit ausgetragen werden, gern auch mit Rachegelüsten und heftigen persönlichen Angriffen. Doch an diesem Punkt – wo die meisten Unternehmen wahrscheinlich versuchen würden, sich bei einem Kunden, dessen Essen durch Anuspräsenz eines Kindes unterbrochen wurde, zu entschuldigen, entschied sich das Imagine Vegan Cafe für eine defensivere Haltung und tat Chelsea Bartleys Bedenken als "Drama" ab.

"Wein ein einjähriges Kind auf einem Tisch steht und allen sein Poloch zeigt, ist das meiner Meinung nach nicht das größte Problem", so die Antwort des Cafés, wie auf Screenshots zu lesen ist. Sie feuerten zurück, dass "erwachsene Menschen" das Baby "festhalten würden, bevor es fällt" und nicht einfach nur rumsitzen und das nackte Kind anstarren.

In einem späteren Post fingen die Besitzer des Imagine Vegan Case an, damit zu drohen, "Namen und Bilder der Personen zu veröffentlichen, die uns schlechte Rezensionen geben, gerade wenn es darin um unsere Kinder geht." Sie streiten nicht ab, dass ihre Kinder nackt frei durchs Restaurant laufen durften, und auch nicht, dass die Kinder den Gästen möglicherweise ihre Polöcher gezeigt hätten. "Hater sind bei Imagine nicht willkommen!!!", schreiben sie.

In einem Kommentar schreibt das Imagine Vegan Cafe: "Wer sich bei einem nackten Kind unwohl fühlt, kommt bitte nicht in unser Restaurant. Ab und zu wird sie keine Windel tragen, so ist das nun mal."

Doch das Drama ging weiter. Es schaltete sich eine andere Facebook-Userin ein, Karen Long, die behauptete, dass bei ihrem Besuch im Imagine sich eines der Kinder auf dem Boden erleichtert hätte. ("DAS KIND HAT AUF DEN BODEN GEKACKT?")

Die Laissez-Faire-Haltung der Cafébesitzer mag zwar in diesen rauen Zeiten ganz schön sein, passt aber nicht ganz so gut zu Lebensmittelhygiene. In den Richtlinien des Gesundheitsamts von Tennessee sind Polöcher zwar nicht explizit verboten, aber es heißt, dass Mitarbeiter ihre Hände gründlich waschen müssen, "nachdem sie mit unbekleideten Körperteilen abgesehen von sauberen Händen und sauberen, unbekleideten Teilen der Arme in Kontakt gekommen sind" – das schließt wahrscheinlich auch nackte Babypopos ein. (Auf den Boden zu koten entspricht offensichtlich auch nicht den Richtlinien.)

Die Twitter-User rasteten noch mehr aus, als sie bei weiteren Nachforschungen einen Facebook-Post des Cafés vom 10. Juni hervorkramten: Die Besitzer hatten eine "85-Jährige mit Demenz" angefahren. Sie überlebte, musste aber ins Krankenhaus, und nach dem schrecklichen Unfalls schlossen die Jeffreys ihren Laden für den Rest des Tages, um "sich mental und emotional" von diesem Schock zu erholen.

Der Vorfall wird mittlerweile #Buttholegate genannt und sorgt für viel Unterhaltung im Netz:

Als wir Kristie Jeffrey um Stellungnahme baten, machte sie einen sehr freundlichen und heiteren Eindruck am Telefon. Sie würde gerne mit uns über den Vorfall und das folgende Drama sprechen und ruft uns nach ihrer Schicht im Restaurant zurück.

Das Café hat bei Google eine Gesamtbewertung von 4,3 von 5 möglichen Sternen, bei Yelp sind es vier von fünf Sternen – obwohl es eine Reihe neuer, größtenteils negativer Rezensionen gibt, die nach dem Buttholegate verfasst wurden. Die Besitzer haben außerdem eine Seite bei GoFundMe, um Geld für eine Softeis-Maschine zu sammeln und haben dort seit Oktober 2.900 von den benötigten 8.000 Dollar gesammelt.

Und trotz der Debatte, die Chelsea Bartley losgetreten hat: In ihrer Rezension schrieb sie, dass wahrscheinlich trotzdem in Zukunft im Imagine Vegan Cafe essen wird, egal ob die Brut der Besitzer nackt oder angezogen ist. Doch das ist mittlerweile wohl nicht mehr der Fall, wie ein späterer Post andeutet.

Kristie Jeffrey rief uns gestern zurück, um zu dem Vorfall Stellung zu nehmen und streitet Chelsea Bartleys Version des Vorfalls ab. "Wir bekommen immer wieder negative Rezensionen, das gehört dazu, wenn man ein veganes Restaurant hat. Das ist keine große Sache, das beschäftigt uns nicht großartig", erzählte sie uns bei einem Telefonat. "Aber diese eine Rezension hat mich sehr getroffen … Wenn man absichtlich meine Kinder mit reinzieht, das trifft mich ins Mark."

Sie sagte außerdem, dass sie bei der Rezension sofort wusste, auf welchen Tag sich Chelsea Bartley bezog. Ihre 21 Monate alte Tochter hatte für den Bruchteil einer Sekunde keine Windeln an. "Sie hat im hinteren Teil des Restaurants ein Spielzimmer. Gerade hat sie entdeckt, dass sie den Klettverschluss der Windel öffnen kann", erzählte sie mir. "Ich war in der Küche und habe gekocht … Sie hat einfach plötzlich ihre Windel ausgezogen und ist aus der Tür [ins Restaurant] gerannt. Mein Mann ist hinterher und wir haben sie sehr schnell zurückholen und wieder anziehen können."

Hätte ihr Kind sich so entblößt, wie Chelsea Bartley es beschrieben hat, wäre ihre Beschwerde auch gerechtfertigt. "Kinder müssen nicht nackt herumrennen", meinte sie. "Das ist nicht normal bei uns passiert nicht jeden Tag. Es war ein außergewöhnlicher Vorfall, egal ob wir jetzt ein Hippie-Laden sind oder nicht. … Wir ziehen unseren Kindern trotzdem Windeln und Kleidung an."

Kristie Jeffrey hätte sich gewünscht, dass Chelsea Bartley sie direkt angesprochen hätte, anstelle erst danach eine Online-Rezension zu schreiben. "Wir hätten versucht, das zu lösen. … Das machen wir immer. Sie hat abgewartet und dann eine fiese Rezension geschrieben und meine Kinder mit reingezogen. Das war einfach absolut unangebracht."

Sie wehrt sich entschieden gegen die Behauptung von Karen Long, dass sich eines der Kinder auf den Boden entledigt hätte und nennt diesen Vorwurf "lächerlich". "Wir hatten immer ein Gesundheitsrating im 90er-Bereich. … Die letzten beiden Male war es bei 98. Wir hatten niemals Probleme mit dem Gesundheitsamt."

Sie sagt außerdem, dass das nicht das erste Mal sei, dass ihr Laden angegriffen wird: Vor Kurzem erhielten sie Bedrohungen und Streichanrufe, als sie und ihr Mann sich für die Black-Lives-Matter-Bewegung aussprachen.

"Negative Bewertungen gehören zum Leben dazu. … Wenn das noch mal passiert und jemand etwas Abscheuliches über meine Kinder sagt, dann werde ich einfach nur antworten: 'Es tut mir leid, aber Sie sind hier im Imagine nicht mehr willkommen. Sie können gern woanders essen gehen.'"