Die "Weißwurstparade": Der Gastro-Sexismus-Streit eskaliert

Das Gastro-Magazin Rolling Pin veröffentlicht eine Besten-Liste – mit 49 Köchen und nur einer Köchin. Dann beginnt der Ärger.

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Aug. 3 2017, 1:33pm

Screenshot Rolling Pin

Der Rolling Pin fragt: "Wer ist der beste Koch Deutschlands?" Die Antworten auf Facebook gefallen dem Magazin aber offensichtlich nicht, kurze Zeit später beginnt die Redaktion, erste Kommentare von ihrer Facebook-Seite zu löschen und Nutzer zu blockieren. Der Grund für den Ärger: Zur Auswahl stehen 49 Männer und 1 Frau. Eine Nutzerin nannte die Liste eine "Weißwurstparade": nur Männer, nur Weiße.

Douce Steiner ist die einzige Frau auf der Liste, die in diesem Jahr erst zum zweiten Mal erscheint. Steiner kocht im "Hotel Restaurant Hirschen" in Sulzburg (nahe Freiburg). Sie ist eine von 39 Menschen in Deutschland, die zwei Michelin-Sterne erkocht haben, und ist damit sicher zu Recht auf der Liste.

Der Grund, warum Frauen auf der Liste fehlen, sei der Auswahl-Modus, sagte Rolling Pin gegenüber MUNCHIES. In einem ersten Schritt reichen Mitarbeiter aus der Gastronomie Vorschläge ein, die 50 meistgenannten kommen im zweiten Schritt in ein Voting, aus denen der Gewinner des "Branchen-Awards" ermittelt wird. Die Liste sei, so Rolling Pin, ein "demokratisches" Ergebnis, für das das Magazin nicht verantwortlich sei. Insgesamt sei der Wettbewerb "fair" gestaltet.

Das habe man auch denjenigen geantwortet, die als erste Kritik äußerten. Man habe es "seriös regeln" wollen. Irgendwann hätte die Leute aber begonnen, beleidigend zu werden und dann hätten sie entschieden, Kommentare zu löschen und Nutzer zu blockieren. Es seien immer wieder die gleichen Fragen von Leuten gekommen, die "Stunk machen wollten", die sich organisiert hätten und die Fragen untereinander kopierten, mitsamt Rechtschreibfehlern. All das, so Rolling Pin, sei letztlich ein "Sturm im Wasserglas".

Die Kritik sei nicht konstruktiv gewesen, auch der Vorschlag, die Frauen mit dem Faktor zwei in dem Ranking zu bevorzugen, sei keine Option. Den Auswahl-Modus könne man nicht ändern. Das sei nicht fair, "den Männern gegenüber", schließlich ginge es hier um Leistung und die Sterneküche sei eine "Männerdomäne" – das könne auch Rolling Pin nicht ändern. Auch nicht, dass sich viele Frauen dazu entscheiden würden, die Küchen zu verlassen, wenn sie Kinder bekommen. Niemand habe was gegen Frauen in der Gastro, ganz im Gegenteil, jeder sei froh über gutes Personal, egal welchen Geschlechts. Die Kritik dürfe sich nicht gegen Rolling Pin richten: "Steinigt nicht den Überbringer der Botschaft."

Unter den verschwundenen Kommentaren sind auch einflussreiche Figuren der Food-Szene. Per Meurling von Berlin Food Stories etwa:

Der Post ist mittlerweile gelöscht.

Mary Scherpe von Stil in Berlin oder Hendrik Haase von Kumpel & Keule waren auch dabei, ihre Kommentare haben sie nicht gesichert. Sie kommentierten dann auf ihren eigenen Kanälen:

Alle ihre Beiträge waren harmlos, sie haben niemanden beleidigt, sie haben nachgefragt oder versucht, ihre Position klarzustellen. Eine Auswahl von verschwundenen Posts:

Nicht nur auf der Liste von Rolling Pin fehlten die Frauen. Die Liste der 50 besten Restaurants – die inoffizielle Weltrangliste der Köche – wird jedes Jahr eben dafür kritisiert: zu sehr auf den Westen konzentriert, viel zu wenige Frauen. Und trotzdem erscheint in jedem Jahr wieder eine Liste, die von Männern dominiert ist und nicht mal im Ansatz das Verhältnis von Männern und Frauen in der Gastronomie wiedergibt. Auf der "50 Best"-Liste finden sich doppelt so viele Frauen. Also zwei: Die erste ist Elena Arzak auf Platz 30 aus dem "Arzak" im Baskenland und auf Platz 40 schaffte es Daniela Soto-Innes, die in New York im "Cosme" kocht. 2013 schrieb das Time-Magazin eine Cover-Story, die "The Gods of Food" hieß, darin fand sich nicht eine einzige Frau. Trotzdem werden sich immer wieder Magazine wie Rolling Pin finden, die genau den gleichen Fehler wieder begehen werden.

Auch auf den "Chefdays", die von Rolling Pin veranstaltet werden, spricht keine einzige Frau. Dabei ist die Veranstaltung international und mit vielen Sternen besetzt. Dabei kann es auch anders gehen. Die Frankfurter Allgemeine Zeitung (ausgerechnet) veröffentlichte im November 2016 "Köche, Winzer, Weine: Unsere Lieblinge des Jahres". Die wichtigsten darin: Frauen.

Gewonnen hat dort eben jene Douce Steiner, sie wurde "Köchin des Jahres, national". Und für den Fall, dass jemand noch Speaker sucht, hier die Liste:

Köchin des Jahres international
Tanja Grandits, Restaurant "Stucki", Basel

Newcomerin des Jahres
Sonja Baumann, Restaurant "Gut Lärchenhof", Pulheim

Aufsteigerin des Jahres
Sarah Henke, Restaurant "Yoso", Andernach

Kulinarische Institution
Lea Linster, Restaurant "Lea Linster" in Frisange, Luxemburg

Produzentin des Jahres
Christine Ferber, "Maison Ferber", Niedermorschwihr, Elsass

Sommelière des Jahres
Susanne Spies, Restaurant "Rosin", Dorsten


Unterdessen ist der Herausgeber von Rolling Pin, Jürgen Pichler, dabei, den Schaden zu begrenzen. Er ruft Menschen an, die auf Facebook blockiert worden sind, um sich zu entschuldigen. Wer weiß: Vielleicht organisieren die gleichen Leute sonst noch, dass Douce Steiner gewinnt.