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Illustration von Lia Kantrowitz

KFC wird die ekelerregenden Schauergeschichten nicht los

Jelisa Castrodale

Wer hat Angst vor seinem Essen: Die Legenden um die "Kentucky Fried Creature" scheinen unsterblich.

Illustration von Lia Kantrowitz

Ist man erst einmal das Opfer eines Gerüchts oder unfreiwillig zum Thema einer modernen Legende geworden, kann es ziemlich schwer wenn nicht sogar unmöglich sein, es wieder abzuschütteln. Denkt nur an Gerüchte auf der Arbeit oder in der Familie. Spricht man über eine der vielen Geschichten, die über KFC im Umlauf sind, wird sich mit Sicherheit jemand finden, der euren Satz entweder mit "diese genetisch modifizierten Mutanten-Hühner?" oder "der Typ, der die frittierte Ratte serviert bekommen hat?" für euch beenden wird.

Aus irgendeinem Grund ist KFC immer wieder Zielscheibe schrecklicher Gerüchte, und das schon seit Jahrzehnten. Obwohl die Fact Checking-Seite Snopes alles tut, um die Gerüchte zu klären, bevor sie das ganze Internet erobern, sind manche der Geschichten so ekelerregend-faszinierend, dass KFC öffentlich dazu Stellung nehmen musste. Unter der Kategorie "Chicken Chattin'" äußert sich KFC auf der Website zu acht der sich am hartnäckigsten haltenden Legenden und versucht dabei, sie auf witzige Weise zu entkräften, obwohl man merkt, dass sie insgeheim wahrscheinlich mit den Zähnen knirschen, weil sie sich mit solchen Themen herumschlagen müssen. (Außerdem habe ich dort auch ein paar Gerüchte gelesen, die ich noch gar nicht gekannt hatte – danke dafür, KFC!)

Um die Geschichte mit dem "Mutanten-Huhn" (oder eine der vielen Versionen des sechsbeinigen "Spider-Chicken") ist es letztes Jahr wieder laut geworden, aber ihre Ursprünge reichen bis ins Jahr 1995 zurück, also in eine Welt vor dem Zeitalter des Internets, als sich Gerüchte noch über Mundpropaganda verbreitet haben. Vier Jahre später begann die Legende der mutierten schnabel-, feder- und fußlosen "Kentucky Fried Creature", sich online zu verbreiten, und wie so viele andere Legenden zuvor scheint sie unserer kollektiven Unsicherheit über wissenschaftliche Fortschritte und neue Technologien entsprungen zu sein.

Das passiert, wenn man bei Google nach "Mutant Chicken" googled.

"Es ist kein Zufall, dass das Thema genetisch modifizierter Nahrung kurz vor dem Gipfeltreffen der Welthandelsorganisation 1999 erneut online in der Gerüchteküche übergeschwappt ist", hat ThoughtCo geschrieben. "Sogenannte 'Frankenfoods' waren damals ein heiß diskutiertes Thema und das Interesse der Öffentlichkeit daran wächst immer mehr."

Doch mehr als ein Jahrzehnt ist die Geschichte immer noch nicht vom Tisch und wurde über die Zeit mit verstörenden Fotos und Zitaten aus einer erfundenen Studie der University of New Hampshire ausgeschmückt. (Die Uni hat später in einer eigenen Pressemitteilung dementiert, dass es zu diesem Thema irgendwelche Forschungsprojekte gebe.)

Statt gelassen mit einer Reihe von Tweets mit dem Hashtag #FAKENEWS zu reagieren, hat KFC einen Anwalt eingeschaltet. 2015 hat KFC China Klage gegen drei Unternehmen eingereicht, die die Gerüchte über das Mutanten-Huhn – komplett mit gephotoshoppten Bildern von angeblich genetisch modifizierten Vögeln – auf ihren WeChat-Accounts verbreitet hatten. Laut der Gerichtsakten hat KFC auf dem Chat-Dienst 4.000 "diffamierende Nachrichten" gefunden, die über 100.000 Mal gelesen worden waren. Im Januar 2016 hat ein Gericht in Shanghai zugunsten von KFC geurteilt und die Unternehmen zu 127.000 US-Dollar Schadensersatz verurteilt und – was vielleicht noch wichtiger ist – sie dazu aufgefordert, sich für die Verbreitung der falschen Informationen zu entschuldigen. (Eric Wayne, der Künstler der das Bild des mutierten Huhns erschaffen hatte, das später so gut wie jede mögliche Variation der Geschichte begleitet hat, hat sich später darüber beschwert, "keinen Penny" an dem veränderten Foto verdient zu haben.)

Illustration von Lia Kantrowitz

Die vermeintlich frittierte Ratte ist das zweitbeliebteste KFC-Märchen, das einfach nicht sterben will. Der Soziologe Gary Alan Fine hat bereits 1980 in seiner Schrift "The Kentucky Fried Rat: Legends and Modern Society" begonnen, diesen Mythos zu dekonstruieren. Zum Zeitpunkt der Veröffentlichung – mittlerweile vor fast 40 Jahren – hatte Fine bereits 115 unterschiedliche Versionen der Geschichte zusammengetragen.

"Zu Beginn der Legende heißt es meistens, dass eine Ehefrau und Mutter – in der Weltsicht der 1960er Jahre also die Versorgerin der Familie – sich eines Tages dafür entschieden hat, ein Gericht bei KFC zu bestellen, statt etwas zu kochen", sagte Brodie. "Sie beißt also in ihr Essen, es schmeckt merkwürdig und es stellt sich heraus, dass es eine Ratte ist. Ein Element der Geschichte ist, dass eine ganz besondere Person bestraft wird, und zwar die Mutter, die selbst für ihre Familie hätte kochen sollen, statt ihr massenproduziertes Essen vorzusetzen."

Die der neueren Versionen ein abschreckendes Beispiel dafür, wie schnell soziale Medien bei der Verbreitung solcher Geschichten helfen können. 2015 hat Devorise Fixon Fotos und ein Video eines rattenförmigen Fleischstücks gepostet, das wie er sagte Teil seiner Bestellung gewesen war. "BIN GESTERN NOCHMAL ZU KFC UND HABE MIT DER MANAGERIN GESPROCHEN, SIE HAT GESAGT ES IST EINE RATTE UND HAT SICH ENTSCHULDIGT. ZEIT FÜR EINEN ANWALT!!! PASST GUT AUF EUCH AUF UND FINGER WEG VON FAST FOOD!!!" hat er auf Facebook in einem Post geschrieben, der überraschenderweise auch heute noch online ist.

Dixon hat schnell einen Anwalt eingeschaltet, und ebenso schnell hat KFC die Klage von sich gewiesen. Dixon hat die 'Ratte' einem unabhängigen Labor übergeben, wo sich herausstellte, dass die Kreatur lediglich ein "unglücklich geformtes" Stück Hähnchenfleisch war. "Der Kunde sollte sich entschuldigen und aufhören, falsche Anschuldigungen über KFC zu verbreiten", hat KFC damals gesagt. Es scheint, als würden ziemlich viele KFC eine Entschuldigung schuldig sein, doch nicht alle von ihnen machen ihre Anschuldigungen so laut wie es Dixon gemacht hatte.

"Diese Legenden bestätigen offenbar die Weltsicht einiger Leute. Wenn man misstrauisch ist, was Fast Food-Ketten angeht – was viele Leute sind –, dann hört man eine Geschichte über eine Kontamination oder bekommt mit, dass ein großes Unternehmen einen Skandal vertuschen will, und sieht sich in seiner Meinung, dass dies gefährliche Orte sind, bestätigt", sagte Ian Brodie, außerordentlicher Professor an der Cape Breton University und Mitherausgeber der Zeitschrift Contemporary Legends, gegenüber MUNCHIES. "Es ist nicht so, dass wir uns ständig von Verschwörungen beeinflussen lassen, aber wir glauben gerne Gerüchte, die zu unseren Erwartungen und Vorstellungen passen und lehnen eher die Geschichten ab, die es nicht tun."

Dieses allgegenwärtige Gefühl der Angst ist wahrscheinlich auch der Grund dafür, dass sich einige dieser Essens-Legenden – wie die mit der Ratte – seit den 1970er Jahren bis heute halten konnten. KFC selbst bestätigt, dass sich das Gerücht über das Mutanten-Huhn dank einer weitergeleiteten Mail, die von einem AOL-Account noch vor 2000 stammt (FÜR UNSERE LECKEREN FRIED CHICKEN WERDEN KEINE MUTIERTEN HÜHNER VERWENDET", betont KFC auf seiner Seite nachdrücklich in Großbuchstaben). KFC und seine Muttergesellschaft YUM! Brands haben für diesen Artikel mehrfache telefonische Anfragen abgelehnt.

Aber warum passiert das die ganze Zeit ausgerechnet KFC und nur selten anderen großen Fast Food-Ketten? Dafür gibt es ein paar mögliche Gründe, einschließlich der Tatsache, dass der Name von KFC einfach schon so lange mit den unterschiedlichsten Geschichten assoziiert wird, wodurch der Gerüchteberg immer weiter wächst. "KFC ist ein Sonderfall wenn es um die Legenden geht, weil es immer noch um regionale Küche geht. Auch wenn KFC überall auf der Welt zu finden ist, wird das Fried Chicken vor allem für Essen aus den Südstaaten der USA und auf gewisse Weise als afro-amerikanisches Essen betrachtet, das von einem weißen Publikum angepasst wurde", erklärte Brodie. "Diese Konnotation mag im Jahr 2017 merkwürdig klingen, aber in den 60ern und 70ern, als diese Legenden entstanden, als eine regionale Küche sich ihren Weg in den sogenannten Mainstream bahnte, waren sie ganz normal."

Eine andere mögliche Erklärung könnte die Wiederholung der ewig gleichen Gerüchte sein – selbst wenn wir eigentlich längst wissen sollten, dass sie total schwachsinnig sind. "[Eine 'frittierte Ratte' zu sehen] ist das gleiche Phänomen, wie in Wolken oder Gebirgen Gesichter zu erkennen; das menschliche Gehirn sucht überall nach Bedeutung", schrieb Seeker. "Eine viel interessantere Frage ist, warum Dixon das Stück Hühnchen mit einer Ratte verwechselt hat (oder zumindest so getan hat). Die Antwort liegt in der Folklore und unseren kulturellen Erwartungen: viele Leute kennen die Legende der frittierten Ratte." Andere Psychologen haben herausgefunden, dass die am weitesten verbreiteten Legenden diejenigen sind, die in den Menschen die größten emotionalen Reaktionen hervorrufen – und je ekliger eine Geschichte ist, desto eher erinnern wir uns an sie.

Oder es wird ständig versucht, KFC in den Dreck zu ziehen, weil es das Fried Chicken-Restaurant schlechthin ist. "Legenden wie diese beziehen sich meistens auf den dominanten Akteur", sagte Brodie. "Es gibt auch viele Legenden über Coca-Cola und weniger über Pepsi. Einfach, weil Coca-Cola die bekanntere Marke ist. Auf gewisse Weise ist KFC also Opfer seines eigenen Erfolgs: Wenn wir eine Geschichte über Spinnen-Hühnchen oder mutierte Vögel oder komische frittierte Dinge hören, müssen sie von KFC kommen, weil wir kollektiv entschieden haben, dass das das wahrscheinlichste Ziel für solch unglaubliche Geschichten ist. Die Wahrheit ist aber, dass keines dieser Märchen wahr ist.

Außer das über KFC-Gründer Colonel Sanders, der ein japanisches Baseball-Team verflucht haben soll. Da ist auf jeden Fall etwas dran.