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Lebensziel: Punk

Angelo Stäldi hat in seinem Leben viel Chaos verursacht, jetzt besitzt er seine eigene Kaffeemanufaktur in Kreuzberg. Und doch ist es wie immer: ein Flirt mit der Anarchie.

Eva Biringer

Anarchie mit Gottes Segen. Das ist genau Angelo Stäldis Humor. An einem Samstag im April wird ein Punkkonzert die—so der Wettergott will—sonnige Kiezgemütlichkeit des Paul-Lincke-Ufers stören. Die Zuschauer werden auf Kirchenbänken sitzen. Statt eines lauwarmen Biers werden sie einen perfekten Flat White in der Hand haben. Ausgedacht hat sich das der Inhaber des Kaffeepurs, zu dem die Kirchenbänke gehören. Angelo Stäldi ist Cafébesitzer, Kaffeeröster, Schweizer und Punk. Mindestens so sehr wie beim Akzent kommt seine Nationalität beim Humor durch, der eher leise ist als laut und sich selbst nicht zu ernst nimmt. Wer die sinnfrei-krawalligen Kettenreaktionen des Schweizer Künstlerduos Fischli und Weiss kennt, weiß, was diese Art Humor will: kein Verlangen nach Zerstörung, nur ein bisschen Flirten mit der Anarchie.

Und der Punk? Optisch haben wir es bei Angelo dank elegant ergrautem Dreitagebart und Lederboots eher mit der Berliner Version eines Gentlemans zu tun. Jetzt im kühlen März bedeckt ein Grobstrickpulli das Kaffeepur-Tattoo auf seinem Oberarm. Gestochen hat es ein Zürcher Hells Angel. Mindestens so sehr wie Punk ist Angelo Kind. Das Kaffeepur ist sein Sandkasten, hier probiert er, ob die „Silver-Guerilla"-Röstung besser ankommt oder „Yellow Sun", hier sieht er großzügig über das Gaststättenrauchverbot hinweg. Die Spielwiese, auf der er sich richtig austobt, liegt im Hinterhof. Seit zehn Jahren röstet er seinen eigenen Kaffee, zunächst in der Schweiz, seit 2012 in besagter Kreuzberger Hinterhofmanufaktur. Jetzt ist das mit den Manufakturen in Berlin so eine Sache. Die Stadt ist voller umgeschulter Ex-Unternehmensberater, die jetzt „was mit den eigenen Händen machen", Craft Beer, Craft Gin, nachhaltig produzierte Bartpflege. Auch der Kaffeemarkt ist eigentlich längst gesättigt und wahrscheinlich hat es sich sowieso bald ausge-dripped. Beobachtet man jedoch Angelo beim Hantieren mit seiner gusseisernen Vintage-Probat, „der einzig wahren Röstmaschine", während im Hintergrund Nick Cave vom Lieben und Sterben singt, gerade so laut, dass man die Kaffeebohnen noch knacken hört, dann will man sofort Kaffeemanufakturbesitzer werden. Das liegt auch an Angelos irren Geschichten.

Geboren und aufgewachsen in Luzern, drängten ihn seine Eltern zu einer kaufmännischen Ausbildung, die er kurz vor Schluss abbrach. Lebensziel: Punk. Seine Definition dieses Begriffs war schon damals eine spezielle: Statt blauem Iro und „No Future" wollte er Spaß. Mit Gleichgesinnten wie dem Modedesigner Stefan Schneider, der im WG-Kühlschrank Innereien lagerte, besetzte er Anfang der Achtziger in seiner Heimatstadt ein leerstehendes Musikzentrum. Alltagsgestaltung: als „Neue Wilde" die lokale Bevölkerung verstören. Einmal entließen sie 300 wochenlang aufgepäppelte Legebatteriehennen in die Freiheit der Luzerner Innenstadt, ein anderes Mal ernährten sie sich zwei Wochen lang ausschließlich von Fleisch, um den so entstandenen „Stiernacken" auf Plakaten mit der Überschrift „Die neuen Chefs" auszustellen. Man muss sich die Schweizer Polizei als milde vorstellen, denn juristisch belangt wurde Angelos Gang nie. Vielleicht auch nur, weil in der „Kulturstadt Luzern" die Kunst Narrenfreiheit hatte.

Nicht dass Angelo es mit der Bürgerlichkeit nicht versucht hätte. Nach professionellem Kellerentrümpeln inklusive Plündern fremder Weinvorräte trat er einen Job als Art Director bei Saatchi & Saatchi an. Subversion funktioniert nun mal am besten von innen heraus: Indem man für umgerechnet 10.000 Euro die Bildrechte an Marcel Duchamps Pissoir erwirbt, um sie dann nur auf die Plastikkärtchen einer Sanitätsfirma zu drucken und all das mehr oder weniger hart verdiente Gehalt fürs Fressen und Saufen ausgibt. Ganz im Sinn des Modepunks Karl Lagerfeld: „Man muss das Geld zum Fenster rausschmeißen, damit es zur Tür wieder hereinkommt."

Seine Skepsis gegenüber Sparanlagen stellte Angelo auch 1992 als Teilnehmer der portugiesischen Biennale unter Beweis. Man muss sich das Künstler-Stipendium für Angelo als ein üppiges vorstellen. Nicht zuletzt kam es den jugendlichen Mitgliedern der Psychobilly-Band Tédio Boys zugute, die ihm beim Aufbau seiner knallbunten Rauminstallationen halfen—„als Konfrontationstherapie, denn ich hasse Farben"—und dafür in Naturalien bezahlt wurden. Dass er mit strubbeligen 19-Jährigen in den schicksten Restaurants der Stadt abhing, nahmen ihm viele übel. Auch deswegen wandte sich Angelo irgendwann von der Kunst zum Kaffee: kein Bock mehr auf Elite.

Bevor er 2006 mit dem Rösten begann, war er Aufseher im Zürcher Johann Jacobs Museum. Von dort stammt die schöne Anekdote, dass der kritische Geist des Kaffeeimperiumkopfes auch vor den eigenen Produkten nicht haltmachte: Bei einer Konferenz, erzählt Angelo, habe Herr Jacobs einen ihm servierten Kaffee mit den Worten „widerliches Zeug" zurückgehen lassen. Es war natürlich die Hausmarke Jacobs Krönung.

Sein eigenes Geschmacksempfinden trainiert Angelo seit beinahe einem halben Jahrhundert. Mit sechs trank der 55-Jährige seinen ersten Latte Macchiato. Dieses Kindergetränk verwehrt er den Gästen des Kaffeepurs bis heute. Keine Einwände: Ein Michschaumverbot ist definitiv harmloser als das mancherorts in Berlin herrschende Stillverbot. Mütter dürfte eher stören, dass Starkraucher Angelo sein Laster im eigenen Café auslebt. Jedenfalls bis es warm genug ist, um draußen zu sitzen. Man muss noch mal auf Angelos eigenwilliges Außenkonzept zu sprechen kommen: Fünf Reihen Kirchbänke, eigenhändig einem oberbayerischen Gotteshaus entnommen, mit Blick auf den für seine Hässlichkeit verehrten Spreekanal. Wie die Band heißt, die hier Anfang April auftreten wird? „Keine Ahnung", gesteht Angelo. „Spielen können sie nicht, aber in Sachen Punk haben sie Potenzial." Sein eigenes muss er keinem mehr beweisen. Bleibt zu hoffen, dass die Berliner Polizei einen ähnlich entspannten Kunstbegriff hat wie ihre Schweizer Kollegen.