Am Buffet zeigen wir uns von unserer besten und schlechtesten Seite

Buffets sind viel mehr Medium als Cuisine – eine Methode, um Kunden ihre eigene Geschwindigkeit und die Kapazität ihres Magens bestimmen zu lassen. Und Buffets zwingen uns zu Toleranz.

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10 November 2015, 1:10pm

Foto von Wonderlane via Flickr

Die Welt geht zugrunde. In den 1930er-Jahren gab es nur zwei Milliarden Menschen auf diesem Planeten. Heute sind es sieben Milliarden, die sich gegenseitig mit den Ellbogen stoßen. Kein Wunder, dass Nachrichtensendungen zu verherrlichten Tragödientickern geworden sind.

Wir machen uns Gedanken um unsere internationalen Kollegen, weil wir gleichermaßen gierig und zimperlich sind. Während wir all die Informationen der Welt konsumieren, um einen großen Bissen davon abzubeißen, sind wir auch auf der Suche nach Dingen, die wir wieder ausspucken können. Wir interessieren uns für Furchtbares, Ekliges, Geschmackloses, Ausbeuterisches, nur damit wir sagen können, dass wir das nicht gut finden, dass wir dagegen, geschockt oder traurig sind über die jüngsten Ereignisse.

Ein weitere wichtiger Grund, warum wir andere Länder so gerne mögen, sind Buffets. Sie bieten nicht nur eine Möglichkeit, mehr über die Kultur eines Landes durch seine Küche und ausgewählte Gewürze zu erfahren—Buffets sind der Ort, wo sich die Gierigen und die Zimperlichen treffen.

2012 wurde berichtet, dass das erste Mal überhaupt mehr Leute auf dieser Welt an Überfressen als an Hungersnot starben. Wir sind eine gierige Welt. Darüber thront unser Kult des Individuums. Heutzutage lässt sich jeder einzelne Teil seiner eignen Existenz personalisieren. Deine Nike-ID-Sneaker, dein Netflix-Account, deine iPhone-Hülle, deine Gasrechnung, deine Bettwäsche, dein Teddybär.

Vielleicht boomen Buffet-Restaurants deshalb so. Das war jedoch nicht immer schon so. Die Idee, verschiedene Gerichte auf einen Tisch zu platzieren, aus denen die Speisenden auswählen können, stammt ursprünglich von den Schweden. Smörgåsbord wurde Mitte des 17. Jahrhunderts beliebt und bald von den Franzosen unter dem Namen „buffet" übernommen. Über die Jahrhunderte hat sich das Konzept in allen sozialen Schichten durchgesetzt. Wie Haute Couture, die zu straßentauglicher Mode wird, nur mit Baked Beans, auf denen sich eine Haut gebildet hat, und fettigen Spiegeleiern statt Kunstleder und kratziger Spitze.

Während noble Buffets—wie die Austern- und Hummer-Bars in Las Vegas—weiterhin existieren, teilen sie eine grundlegende Eigenschaft mit den fettigen Tuben leuchtender Süß-Sauer-Sauce, in denen das frittierte Hähnchen und alles andere beim 7,50-Euro-Buffet in Chinatown ertränkt wird.

Buffets sind keine Cuisine, sondern ein Medium, eine Methode, um die Kunden die Geschwindigkeit und die Kapazität ihrer eigenen Teller und Bäuche bestimmen zu lassen.

Die Vorteile der einfachen, universellen Struktur von Buffets sind sie unzählig wie die durchschnittlich Auswahl an Speisen auf einem eben solchen. Iss, so viel magst! Iss dich um die Welt von einem drei Meter langen Tisch! Pimp dein Abendessen mit 27 verschiedenen Würzen und Saucen! Sei Vegetarier beim ersten Teller und tu so, als hättest du Glutenunverträglichkeit beim zweiten! Oder beuge dich, wie ich, deiner eigenen Angst, weil du weißt, dass Pilze am besten auf Fäkalien wachsen, und fass' nichts an, was nur annähernd wie ein Pilz aussehen könnte.

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Mit dem richtigen Buffet könnte auch dein Frühstück wie dieses aussehen. Foto von Mark Mitchell via Flickr.

Im Kern jedes Buffets liegt das freudige Wissen, dass man essen gehen kann, ohne sich mit dem Koch darüber streiten zu müssen, ob seine Entscheidung, Erdbeeren mit Garnelen zu ergänzen, eines Tages eines Michelinsterns würdig sein wird oder nicht. Außerdem: Wenn man mit jemandem essen geht, der absolut keine Manieren kennt und seine Suppe schlürft und seine Rippchen abnagt, während die Tischdecke aussieht wie ein Schlachtfeld, kann man seine Gänge zum Buffettisch so planen, dass man jegliches Zusehen vermeidet. Buffets sind zauberhaft.

Die Interpretation von dem, was bei einem Buffet essentiell ist, spiegelt wider, wie unsere Gaumen und Bedürfnisse anspruchsvoller geworden sind. Wie eine bessere Version von damals, als die Sandwich-Kette Pret A Manger erkannt hat, dass es da draußen immer mehr brotverweigernde Paleo-Anhänger gibt und anfing, zwei hart gekochte Eier mit ein paar feuchten Spinatblättern fertig abgepackt zu verkaufen. DIY-Bloody-Marys, Müsli, das man sich selbst zusammenstellen kann, und sogar HP Smokey BBQ Sauce werden standardmäßig in Radisson-Hotels angeboten. In meinem Lieblingshotel in Berlin (OK, ich war da nur einmal) kann man so viel Kokoswasser trinken, wie man möchte.

Die wahre Vielfalt, die man bei jedem Buffet bekommt, früher wie heute, sind nicht die Speisen oder gar die verschiedenen Arten von Buffets. Egal, ob man zwischen den dampfenden Metallbehälter beim All-you-can-eat-Buffet im Chinarestaurant oder um die Käseplatten bei einer Hochzeit schwirrt, die Entscheidungen, die man trifft, sind moralische.

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Der Koch dieses All-you-can-eat-Frühstückbuffets hat das Motto ziemlich ernst genommen. Foto von Rick McCharles via Flickr.

Ohne die erzwungene Distanz zwischen den Speisenden und ihrem Essen, die durch Kellner hergestellt wird, können die Leute ihre eigenen Regeln aufstellen. Völlerei wird durch die Ausrede, dass es schließlich das Geld auch wert sein soll, entschuldigt. Du kannst so lange behaupten, dass du diesen riesigen Teller voller Zwiebelringe mit anderen an deinem Tisch teilst, bis du dich so hastig hinsetzt, um sie alle allein aufzuessen, dass nur die Hälfte deines Hinterteils auf dem Stuhl landet.

Buffets bringen alle möglichen Arten des moralischen Lernens mit sich. Wenn man mit Tellern voller nicht gekennzeichnetem Fleisch und Fisch konfrontiert wird, denkt man sofort—und wenn nicht, dann solltest du!—innerlich über Herkunft und Nachhaltigkeit nach. Meistens wird man dann jedoch von einer anderen Person, von einem Fremden, gestört.

Während du um die Buffettische schleichst und versuchst, die Beschreibung zu entziffern und die Konsistenz der Salami zu erkennen, ohne sie anzufassen, wird neben dir irgendein Kind jedes Pommes einzeln auf seinen Teller laden, eine Frau wird ihren wie Plastik aussehenden Salat mit Speckstreifen beschweren und ein Mann jede letzte Garnele auf seinen Teller häufen. Das sind keine Menschen mehr, sondern Hindernisse. Dich in ihrer Anwesenheit in Zurückhaltung zu üben, bringt dir genau gleich viele Punkte als Märtyrer ein wie meiner Oma, als sie Durchfall bekam, nachdem sie ein ganzes Bündel Trauben gegessen hatte, weil sie sich sonst schlecht gefühlt hätte, wenn sie wegschmeißen müssen hätte.

Genau wie Casinos keine Uhren haben, damit die Zocker die Zeit vergessen, versuchen Restaurants ohne Buffets die körperlichen Bewegung auf ein Minimum zu reduzieren, damit die Speisenden nicht bemerken, dass sie immer mehr Platz einnehmen. Alles, was sie brauchen, sind ihre Hände, ihr Mund und ihre Augen, während der Kellner die Speisen auf möglichst funktionale Art serviert und einen Klaps auf die Finger bekommt, weil er sich zu oft ins Gesicht gefasst hat.

Buffets sind der eine Ort, wo man dazu ermutigt wird, so viel wie möglich aufzuladen, trotzdem wird man ständig an die Unsitte und die Last des Überessens erinnert. Vielleicht ist die einzige Art, uns der Gier entgegenzusetzen, all unser Essen zu einem öffentlichen Akt zu machen, damit wir unsere Aufmerksamkeit auf die richten, die ein Abendessen nötiger haben und jene als Warnung wahrnehmen, die sich zu oft Nachschub von der frittierten Ente geholt haben.

Vielleicht ist die größte Stärke von Buffets nicht die Tatsache, dass Köche 40 verschiedene Gerichte am Morgen zubereiten und dann den ganzen Tag warm halten können. Sondern dass wir immer noch die Muße finden, uns mit anderen auseinanderzusetzen.