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    Geht es beim Naked Sushi um Kunst oder Sex?

    Wenn zwei Stunden ruhig sitzen oder liegen bereits nach einer Herausforderung für dich klingt, dann stell dir mal vor, du machst das nackt und mit Sushi auf dir. Für ein nyotaimori-Model (oder nantaimori, wenn es sich um einen Mann handelt), ist das die Jobbeschreibung.

    Die japanische Praxis, die gemeinhin als „Naked Sushi” oder „Body Sushi” bekannt ist, hat mysteriöse Wurzeln—manche sagen, sie habe seine Ursprünge in der Zeit der Geisha-Häuser im feudalen Japan, andere erzählen, sie sei als eine Unterhaltungsform für organisierte Verbrechergruppen populär geworden. Seit den 1990er-Jahren hat sich Naked Sushi auch in den Vereinigten Staaten verbreitet, später auch in Europa.

    Aufgrund der zwielichtigen Wurzeln wird nyotaimori oft mit Sexualität und Erotik in Verbindung gebracht, obwohl das überhaupt nicht der Realität entspricht. Die Models sind zwar nackt, aber dürfen meistens nicht angefasst werden. Außer wenn man sich für die Billig-Version von Naked Sushi (nicht empfohlen) entscheidet, bekommt man sehr wahrscheinlich keine Lebensmittelvergiftung und die Wahrscheinlichkeit, dass man das Sushi direkt von der Haut des Models isst, ist generell sehr gering. Normalerweise wird das Sushi auf Bananenblättern oder einer anderen Unterlage präsentiert. Wenn ein Kunde verlangt, dass das Essen direkt auf der Haut serviert wird, testen seriöse und angesehene Anbieter ihre Models zuerst auf Hepatitis.

    „Hier in den USA haben die Leute versucht, es als exklusives Erlebnis zu vermarkten”, sagt Mark Scharaga, der Besitzer und Koch einer nyotaimori-Cateringfirma. „Wir versuchen, es von seiner anrüchigen Vergangenheit wegzubewegen und es als etwas viel Eleganteres und Unverkennbareres zu präsentieren.” Früher stellten Scharagas Freunde ihn oft als den „Naked Sushi-King” vor. Mittlerweile hat er den Namen des Unternehmens auf „Nyotaimori Experience” geändert, um sich vom „ordinären Publikum” zu distanzieren. Man könnte den Eindruck haben, die nackte Frau, die unter dem rohen Fisch liegt, könnte das Essen in den Schatten stellen. Für Scharaga ist das Model aber Teil der Ästhetik, nicht der Hauptgang. „Was wir verkaufen, ist nicht Sex—wir verkaufen ein Erlebnis mit einer wunderschönen Frau oder einem Mann”, erklärt er.

    Mit einem Menschen anstatt einem Teller oder einer Platte zu arbeiten, birgt bestimmte Herausforderungen. „Man hat andere Kurven und Konturen, mit denen man arbeiten muss, damit die Präsentation auch so aussieht, wie man es sich vorstellt”, sagt Scharaga. Deshalb haben die meisten nyotaimori-Models recht straffe Körper, rein aus praktischen Gründen, um zu vermeiden, dass das Sushi vom Körper rollt und auf den Boden fällt. Sogar über das Atmen wird verhandelt. Was man am wenigsten gebrauchen kann, ist, wenn ein Model niest.

    Die meisten Leute haben nyotaimori bisher noch nicht selbst erlebt, sondern kennen es nur aus der Popkultur. 1991 kam es in Showdown in Little Tokyo vor und im Sex and the City-Film aus dem Jahr 2008 bedeckte sich Samantha mit Sushi und wartete auf ihren Liebhaber. Die Kunst des nyotaimori scheint immer noch wie eine Fantasie der Reichen zu sein—mysteriös und unerreichbar. Scharaga wollte uns seine exakten Preise nicht mitteilen, aber er sagte: „Manche Leute fragen bei uns an und rechnen damit, dass es um die 600 bis 700 Dollar [535 bis 625 Euro] kostet, aber das reicht nie aus.” Zusätzlich zu den Kosten für sein Sushi, das er aus nachhaltigen Quellen bezieht und das er ein paar Stunden vor dem Event kaufen muss, muss die Arbeit und natürlich das Sushi-Model bezahlt werden.

    Manche nyotaimori-Kritiker sehen es als eine unerwünschte Form der Objektivierung. „Es ist entwürdigend, als Teller behandelt zu werden”, sagte ein Kritiker den Seattle Times. Scharaga hatte es mit ähnlichen Beschwerden zu tun. Er beharrt darauf, dass seine Models—ob Mann oder Frau—mit Respekt behandelt werden und dass sie bei Veranstaltungen nie unangemessen angefasst werden. „Ich habe sehr schnell gelernt, eine Klausel einzuführen, die uns ermöglicht, das Event jederzeit abzubrechen, wenn es außer Kontrolle gerät”, sagt Scharaga. Sobald ein Model zu ihm sagt, dass sie oder er sich unwohl fühlt, ist das Event vorbei.

    Manche sehen weibliche Naked Sushi-Models vielleicht als bessere Sexarbeiterinnen, aber für das nyotaimori-Model Emma Jade ist der sexuelle Aspekt nebensächlich: „Ich verstehe das schon”, sagt sie. „Ich liege hier und bin nackt, aber das Essen ist großartig. Für mich ist es Kunst.” Der Job an sich ist für Jade ein Kinderspiel—zumindest nach dem ersten Mal—, aber Jade gefällt die Abwechslung, die die Events und ihre Gäste bringen. Als man sie fragte, ob sie Sushi-Model werden wolle, hatte sie noch keine Erfahrung als Nacktmodel. „Ich sah es als eine neue Erfahrung und als eine Möglichkeit an, mich in meinem Körper wohler zu fühlen.” Heute, sagt sie, sei ihr Selbstbewusstsein exponentiell größer geworden. Und obwohl ihre Freunde ihren Job anfangs etwas merkwürdig fanden, sehen sie es mittlerweile einfach als eins von vielen Dingen, die Jade macht. „Meine Mutter weiß auch Bescheid”, sagt das Sushi-Model und erzählt, dass ihre Mutter oft ihre nyotaimori-Fotos postet und darunter schreibt, „Das ist meine Tochter!”

    Während sich manche Leute definitiv auf den nackten Körper vor ihnen konzentrieren, sagt Jade, gebe es auch andere, die die Einstellung haben: Du siehst wunderschön aus, das Essen sieht wunderschön aus—das möchte ich einfach genießen. Diese Art von Gästen mag sie am liebsten.

    Nyotaimori ist die extreme Version der Verbindung von Essen und Sinnlichkeit, aber diese Kombination an sich ist alles andere als neu. Essen mit jemandem zu teilen, ist immer eine mehr oder weniger intime Erfahrung—ob bekleidet oder nicht.

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