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    Ich habe in 1000 Restaurants gegessen – und das habe ich dabei gelernt

    Einmal hat mich jemand gefragt, in wie vielen Berliner Restaurants ich denn schon gegessen hätte. Nach ein paar Rechenübungen kam ich auf genau 1000. Vielleicht sind es auch mehr, aber ganz ehrlich, so genau habe ich noch nie gezählt. Es würde mich wundern, falls es in Berlin jemanden gibt, der in den letzten Jahren in mehr Restaurants gegessen hat als ich. Im Ernst: Wer ist schon so bescheuert und zieht sich mittags drei verschiedene Burger rein, um abends dann noch zwei Pizzen zu vergleichen? Ich. Sonst keiner.

    Ich war schon immer ein lächerlicher Food Nerd. Schon als kleiner Junge habe ich Kochbücher abgeschrieben und die Garzeit meiner Tiefkühlpizza auf die Sekunde durchoptimiert. Irgendwann hab ich dann mal in der Uni halbprofessionell gekocht, bevor ich dann nach Berlin gezogen bin, um mich Hals über Kopf in die Dotcom-Blase zu schmeißen. Das war mir dann schnell alles zu albern und ich fühlte, dass es höchste Zeit war, mein Hobby als Restaurantkritiker zu meinen Hauptberuf zu machen und mich vollends meinem Dasein als Food Nerd zu widmen.

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    Die Wahrheit ist, ich bin besessen. Besessen von der Suche nach den besten  Restaurants und den außergewöhnlichsten Mahlzeiten. Diese Besessenheit treibt mich regelmäßig in die skurrilsten Ecken Berlins und der Welt. Das vage Versprechen eines magischen Döners in Marienfelde? Geil. Am besten gleich heute nach der eingeplanten Lunchpizza. Eine Thai-Oma, die im nördlichen Wedding unglaubliches Pad Thai kocht? Muss sofort erkundet werden. Ein Kanadier, der auf Neufundland Sterneküche mit Robbenfleisch kocht? Ganz nach meinem Geschmack. Ich habe Tage in der Woche, in denen ich mehrmals zu Mittag oder zu Abend esse. Drei oder vier Restaurants an einem Tag kann ich mir locker reinziehen. Während meiner Streifzüge durch die Restaurantwelt und meinen Reisen eskaliert das immer total und meine Frau musste schon häufig zusehen, wie ich mir Gott und die Welt in den Mund stopfe.

    Das Ganze hat seinen Ursprung in meiner Gründlichkeit. Obwohl „gründlich“ wohl in diesem Kontext eine deutliche Untertreibung wäre. Ich bin ein übertrieben-lächerlicher Perfektionist und das spiegelt sich tagtäglich in meiner Arbeit wider. Wie zum Teufel soll ich denn bitte behaupten, welches der beste Döner Berlins ist, wenn ich nicht meine fünf Lieblingsdöner an einem Tag probiere, der Reihe nach? Richtig. Gar nicht.

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    Wie fühlt es sich eigentlich an, wenn man sich mittags mal fünf Döner reingezogen hat? Wenig überraschend: ziemlich mies. Der Effekt lässt sich nur mit einer leichten Überdosis Schlaftabletten vergleichen, die man mit einem Glas alten Frittenfett runterspült.

    Der häufigste Satz, den ich mir anhören muss, lautet: „Was für ein geiler Job! Dann isst du wohl jeden Tag umsonst? Mega.“ Nein, so ist das nicht. Ich arbeite nach strengen Prinzipien und habe eine Menge Stolz. Leute kapieren nicht wirklich, wie ernst ich meinen Job nehme. Wenn ich es darauf anlegen würde, müsste ich wohl nie wieder eine Mahlzeit zahlen. Stattdessen zahle ich (fast) immer. Ich nehme meinen Job als Restaurantkritiker sehr ernst—viel zu ernst—und bewerte Restaurants immer nach denselben Prinzipien: Ich gehe mehrmals, ich gehe anonym und ich zahle immer für mich selbst. Nur dann schreibe ich eine Story über ein Restaurant. Warum? In erster Linie, damit ich unabhängig bleibe und damit mich jeder, falls notwendig, mal gehörig am Arsch lecken kann. Ich schulde niemanden etwas und das macht mich zuverlässig.

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    Eine andere Frage, die ich oft höre: „Wie zum Teufel bleibst du Arsch denn bei deinem Beruf so dünn?“ In verschieden Variationen zwar, aber immer in demselben Tonfall. Ich bin super lang und schmal, schon immer gewesen. Deswegen fragen mich Leute. Die Antwort darauf ist hingegen ganz einfach. Auf der einen Seite versuche ich tatsächlich, in Maßen zu konsumieren. Ehrlich. Natürlich esse ich mindestens ein Mal am Tag in einem Restaurant, aber ich esse zum Beispiel kaum Süßigkeiten, Chips oder anderen Dreck zwischen und nach meinen Mahlzeiten. Ich achte generell auf gesundes Essen, so gut es geht. Ich esse kaum Brot, wenig Desserts und trinke (verhältnismäßig) wenig Alkohol. Ich bin außerdem eine Möchtegern-Sportskanone, die dir sabbernd bei Kilometer 16 während des Halbmarathons begegnet. Aber letztendlich habe ich einfach einen geilen Stoffwechsel und meine Gene lieben mich einfach. Das ist die Wahrheit. Ich fürchte, das wird sich wohl eines Tages ändern. Bis zu dem Tag maximiere ich meine Burger-Safaris und freue mich schon auf die nächste Schnitzeljagd, die Jagd nach dem besten Schnitzel der Stadt. Nicht dieses Kinder-Ding.

    Zuweilen wir es auch einfach absurd, ich erlebe täglich amüsante oder wahnsinnigen Sachen. Wenn ich bei meinem Lieblingschinesen bezahlen will, weigert sich die Besitzerin, Geld von mir anzunehmen. Wir haben ein Ritual, bei dem ich immer ein paar Geldscheine unter einer Reisschüssel verstecke und dann schnell verschwinde, bevor sie etwas merkt.

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    Einmal kam während einer außergewöhnlich trinkwütigen Küchen-Afterparty in einem Neuköllner Lokal ein maskierter Mann durch die Tür und drohte mit einem Messer. Der Koch schnappte sich wortlos zwei Hackbeile jagte den jungen Knaben mit lauten Schreien und schwingenden Beilen aus dem Restaurant. Ich saß auf einer Kücheninsel mit einer Flasche Matassa und dachte schon, meine letzte Flasche Wein wäre gekorkt. Und letztens habe ich mit einem der bekanntesten Sommeliers Deutschlands nach vier Restaurantbesuchen an einem, einzigen Abend spontan nachts um drei Uhr vor dem Kottbusser Tor ein Kebab Wine-Pairing gemacht. Die Dealer vom Kotti waren neugierig was für Drogen wir denn genau genommen hätten und wünschten uns einen „Guten Trip!“.

    10.000 Restaurants soll es in Berlin geben. Es gibt also noch einiges zu essen. Mein größter Wunsch ist, ehrlich gesagt, dass ich nicht alle testen muss.

    Themen: Berlin, Berlin Food Stories, Döner, Nerd, Restaurantkritiker, restaurants, Traumjob