So erträgst du deine Verwandtschaft an Weihnachten

Wein ist die Lösung für die weihnachtliche Familienhölle, denn für jede Macke gibt es den richtigen Tropfen. So werden die Feiertage für dich und deine Familie wesentlich harmonischer.

|
Dez. 25 2015, 7:00am

Illustration von Yuliya Tsoy

Wenn man wie ich aus einer echten Großfamilie kommt—mein Vater hat sechs Schwestern, unser engster Familienkreis besteht aus 30 Leuten—hat man an Weihnachten den Eindruck, bei einer Hausparty zu sein. Bei so vielen Menschen treffen auch ganz unterschiedliche Persönlichkeiten aufeinander.Entweder sie sind laut, fröhlich und alle so gut drauf, dass mir ihr schallendes Gelächter noch zwei Straßen weiter hört. Oder sie erdrücken dich mit ihrem widerwärtigen Familiengetue. Mein ganzes Leben lang habe ich mir den Kopf darüber zerbrochen, wie man die feiertägliche Familienhölle am besten übersteht und die Antwort lautet: Wein.

Es gibt nicht nur zu jedem Essen den passenden Wein, sondern auch zu jedem Familienmitglied. Wenn du Weihnachten dieses Jahr etwas erträglicher machen willst, sind hier meine Weinempfehlungen für jeden Tischnachbarn.

Hinweis: Diese Liste basiert einzig und allein auf fiktiven Personen, nicht auf meiner Familie. Schreibt mir keine Nachrichten über Facebook und ruft bitte auch nicht meinen Vater an. Frohes Fest!

Für die Konservativen: Cabernet Sauvignon Ein kalifornischer Cabernet Sauvignon ist die perfekte Wahl für den konservativen Onkel, der—wenn er könnte—auch Donald Trump wählen würde: seine besten Zeiten hatte er in den 90ern, aber er rühmt sich immer noch gern damit. Eine klassische Sorte, die auch heute noch zu den besten Weinen zählt. Damit entgehst du jeder Wein-Diskussion, die, wenn man nicht aufpasst, schnell in einer handfesten Diskussion über Steuerpolitik enden könnte. Nicht mit Cabernet Sauvignon!

Für die ewigen Pseudo-Besserwisser: Beaujolais Jung, spritzing und herb: ein Beaujolais ist noch ein wenig grün hinter den Ohren. Ein bisschen wie deine Cousine, die dich die ganze Zeit mit Feminismus zulabert, Intersektionalität aber vollkommen leugnet. Beaujolais geht runter wie Öl. Statt euch also in aussichtslosen Diskussion zu verzetteln, solltet ihr lieber ordentlich von dem Zeug wegkippen und euch über was Nettes, Harmloses unterhalten. Katzen vielleicht?

Für die Kiffer: Pinot Grigio (mit Schalen gegärt) Bouquet, Farbe und Geschmack dieses Weins lassen sich einfach nur als „totaaaaal abgefahren" beschreiben. Der haut dich vom Hocker, egal ob du high bist oder nicht. Er schimmert wie ein Bernstein, riecht rauchig, fast wie ein Tequila, sodass dein Gegenüber dich nur mit offenem Mund anstarrt: „Booooooaaaaaaaaah!" Wenn du dann noch erwähnst, dass dieser Weißwein eigentlich wie ein Rotwein hergestellt wird, hörst du nur noch drei Mal: „Was? Ohne Scheiß? Eeeeecht!?", bis sich die Person kurz entschuldigt: „Was im Auto vergessen…"

Für die Neugierigen: Lambrusco Verspielt und fruchtig, etwas prickelnd—mit Lambrusco entgehst du jedem unangenehmen Gespräch von Anfang an. Außen Party, innen Partykiller. Ein Schluck dieses trockenen Tropfens und deine nervige Tante verzieht ihr Gesicht und hat gar keine Lust mehr, dich zu fragen, wann du denn endlich heiratest.

Für den Grufti: slowenischer Teran Ein intensiver, tiefgründiger Roter, bei dem Gerbstoffe und warme Fruchtigkeit entfalten ihre volle Kraft. Perfekt für etwas düstere Konversationen. Riecht wie feuchte, abgestorbene Veilchen und auch ein bisschen wie Blut. Wenn man ihn richtig schwenkt, hört man vielleicht sogar Ian Curtis schmerz- und angsterfüllt singen.

Für deine Homies: Sangiovese Dieser fruchtige Wein schmeckt einfach nach Feiertagsatmosphäre: ein Hauch von Plätzchen, ein bisschen Glühwein und die letzten fallenden Herbstblätter, die die Straßenreinigung noch nicht weggefegt hat. So leicht, dass man auch gerne ein paar Gläser mehr trinken kann. Perfekt, um mit dem einzigen Familienmitglied, das du wirklich als echten Freund beschreiben würdest, in nostalgischen Erinnerungen an Weihnachten vor 20 Jahren zu schwelgen. Während er oder sie dir noch erzählt, was überhaupt im letzten Jahr passiert ist, schwörst du schon sturzbetrunken, dass ihr unbedingt Silvester zusammen was machen müsst. Unbedingt! Versprochen!!!

Für die Christen: halbtrockener Riesling Ein heller, leichter Wein mit flüchtiger Ananasnote, der ein bisschen an Messwein erinnert. Riesling ist der unverfängliche Wein schlechthin, der sich einfach so runtertrinkt. Außerdem kein Rotwein—der Diskussion könnt ihr bei diesen Personen dann schon mal aus dem Weg gehen (Haltet sie bloß von dem Teran fern!). Süß genug, dass auch sonst eher abstinente Gläubige ihn trinken. Gleichzeitig wunderbar trocken, dass auch wir Heidenkinder ein paar Gläser davon wegkippen können, während wir krampfhaft versuchen, nicht über Abtreibung zu reden.

Für die Älteren: Ruby Port Reichhaltig, lieblich, kräftige Aromen: Schokolade, Himbeeren, Zimt. Ein starker, aufgespriteter Dessertwein, von dem man sich gerne ein Gläschen einschenkt, um die weisen Geschichten aus einer anderen Zeit zu hören. In kleinen Schlucken reicht ein Glas für eine gesamte Kriegsstory in voller Länge. Und am Ende seid ihr beide wesentlich betrunkener: Port besteht zu immerhin 30 Prozent aus Brandy.

Für die ignoranten Arschlöcher: NICHTS Wer gerne mal den Klimawandel leugnet oder mit rassistischen oder frauenfeindlichen Parolen um sich wirft, hat Wein gar nicht erst verdient.

Für die Liebsten: ALLES Jede Flasche Wein schmeckt einfach besser, wenn man sie teilt: Egal, ob der Billigfusel aus dem TetraPack oder das edelste Tröpfchen aus Weinhandlung: Die schönsten Wein-Erinnerungen sind gemeinsame Erinnerungen. Wir reden, lachen, weinen und freuen uns bei einer Flasche Wein, wir finden zusammen und lernen uns besser kennen.

Allerdings kann ein Tropfen Wein zu viel auch das Fass zum Überlaufen bringen, übertreibt es also nicht unterm Tannenbaum und vermeidet kontroverse Themen. Frohe Weihnachten!