Photo courtesy of Gina Tron

Kratom-Tee ist das Getränk von genesenden Heroinsüchtigen

Ich habe eine Tasse Kratom-Tee getrunken, eine legale pflanzliche Droge, die in Bars in North Carolina und Florida immer mehr Beliebtheit erlangt. Sie hilft angeblich auch ehemaligen Junkies.

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Juni 16 2014, 8:00am

Photo courtesy of Gina Tron

Vor kurzem hat mir jemand von einem Laden in Wilmington in North Carolina erzählt, wo ich „aus einer komischen, in Thailand verbotenen Droge namens Kratom" gebrauten Tee trinken könnte. Ich hörte, diese Tiki-Bar mit dem Namen Kat 5 Kava, wo es keinen Alkohol gibt, sei eine Art Light-Version einer Methadonklinik oder legalen Opiumhöhle. Meine Neugier war geweckt.

Obwohl es Kratom schon eine ganze Weile gibt, bezeichnen es die Medien als „neue, legale Droge". Der Baum kommt ursprünglich aus Thailand und seine Blätter werden abgeerntet und getrocknet, um die Droge herzustellen. Sie wurde dort 1943 verboten, als die Leute anfingen, sie als Opium-Alternative zu konsumieren und die Regierung feststellte, dass darauf keine Steuern erhoben wurden.

Letzte Woche war in einer Bar unweit von Kat 5 Kava, also bin ich auf einen Sprung dort hin, um mal eine Tasse Kratom-Tee zu probieren. In dem Etablissement saß eine kleine Gruppe Leute an einem Tisch nahe der Bar, die von mehreren Bildschirmen umgeben war, auf denen Naturvideos mit schwimmenden Walen und frohlockenden Hirschen und Rehen liefen. Ich sah mir die Karte an der Wand an. Die eine Hälfte enthielt Getränke aus Kava, eine Wurzelpflanze mit einer beruhigenden und betäubenden Wirkung. Die andere Hälfte bestand aus Kratom-Drinks und Pulvern, die dir laut Bedienung einen „Opiat-gemischt-mit-Koffein-Schub" geben.

In dieser Bar werden drei verschiedene Kratom-Pulver verkauft: White Borneo, Red Mystic und Green Peace. Dabei kostet ein Gramm immer 1,50 Euro. In den USA gibt es eine ganze Reihe an Kratom-Pulvern, wie zum Beispiel Thai, Indo, Bali, Malay und Sumatra. Ich war ziemlich verdutzt, als ich das 7 Euro teure „Gebräu" auf der Karte entdeckte. Ein freundlicher Stammgast mit tiefen Rändern unter seinen Augen fügte hinzu: „Das macht dich nicht schläfrig … dieses nicht."

Also bestellte ich mir eine Tasse Kratom-Pulver vermischt mit heißem Wasser. Die Bedienung erzählte mir, dass jedes Gebräu ungefähr 5 Gramm enthielt, warnte mich aber auch davor, dass ich mich ohne vorherige Erfahrung auf unter 9 Gramm beschränken sollte, da mir sonst übel werden würde. 5-7 Gramm verursachen einen ausreichenden Rausch. Anscheinend wird den Leuten nach 9 Gramm schlecht, was auch der schlimmste körperliche Nebeneffekt des Konsums dieses Tees darstellt.

Das Gebräu wurde mit einer Schöpfkelle aus einem Bottich in einen Styroporbecher gefüllt. Auf der Theke stand ein Glas Honig, damit man den bitteren Geschmack des Tees etwas mildern kann. Und obwohl Kratom „komplett natürlich" ist, war das Getränk dickflüssig und kalkig, wie zerstoßene Pillen. Ich habe wohl zwei Teelöffel Honig in meinen Becher getan.

Ich nahm ein paar Schlucke, aber es schmeckte immer noch zu bitter. Ich trank so viel ich konnte. Aber ich habe nicht alles geschafft und entschied mich dazu, in eine richtige Bar zu gehen und den bitteren Geschmack in meinem Mund mit Alkohol wegzuspülen. Ich fühlte mich etwas angeheitert, war mir aber nicht sicher, ob ich das jetzt dem Kratom oder dem bereits vorher konsumierten Alkohol zuzuschreiben hatte.

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Kratom-Pulver.

Aber die Atmosphäre des Ortes hatte es mir angetan. Ich hab mich online noch ein bisschen über Kratom schlau gemacht und fand darüber einige ziemlich sensationsgierige Artikel, die es mit Badesalzen verglichen.

Es gibt aber auch viele Websites, die die Pflanze in den höchsten Tönen loben und ihr nachsagen, dass sie eine gesündere Option für Opiumsüchtige und ein hervorragendes Mittel für genesende Heroinsüchtige ist. In den letzten Jahren ist Kratom in den USA immer beliebter geworden, vor allem in den Südstaaten wie North Carolina und Florida.

Ich ging noch einmal ins Kat 5 Kava, diesmal aber tagsüber, ohne vorher Alkohol konsumiert zu haben. Ich wollte sehen, ob die Erfahrung jetzt anders sein würde. Als ich um halb Fünf dort ankam, war die Bar voll. Es saß auch ein Mann mittleren Alters da, der drinnen seine Sonnenbrille trug. Im ganzen Raum gab es nur einen freien Platz, den ich mir gleich schnappte und ein weiteres Gebräu bestellte, das ich dieses Mal ganz trinken wollte. Ich saß neben einem 19 Jahre alten Typen namens Bob Swinson, der mir erzählte, dass Kratom ihn normal bleiben lässt. „Ich habe ADHS und Kratom lässt mich runterkommen. Ich nehme keine Medizin gegen ADHS, aber so bleibe ich normal", sagte er, als er zwischen Gesprächen mit anderen Gästen und dem starren Dasitzen mit dem Gesicht zur Bar hin und her wechselte. Auf meiner anderen Seite saß ein ehemaliger Heroinsüchtiger, der gerade erst aus dem Gefängnis entlassen wurde. Bei ihm hilft das Kratom gegen das Verlangen nach Heroin.

Ich sprach mit einer Bedienung, Brianna Garrett-Sanders, über die Kundschaft. Laut Sanders verkauft die Bar seit Januar 2012 Kratom und „75-80 Prozent" der Gäste sind Leute auf Entzug. Während ich an meiner Tasse Tee nippte, erzählte mir Brianna, dass Kratom das gleiche Gefühl wie Opiate verursacht. Es wirkt im gleichen Teil des Gehirns, aber anstatt sich an die Rezeptoren anzuheften, prallt Kratom wieder ab, behauptet Brianna. So ist es schwierig, körperlich abhängig zu werden. Kratom ist sehr viel weniger gefährlich als Gras oder Schmerzmittel, ist aber trotzdem hilfreich für Menschen mit Schmerzproblemen. „Es ist holistisch. Es ist nur eine Pflanze. Es ist viel sicherer als verschriebene Medikamente", sagte Brianna.

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Typen beim Kava-Tee trinken.

Nach meinem ersten Gebräu wurden meine Augen etwas schwerer, ich wurde entspannter und ein wenig redseliger. Ich bemerkte, wie ich mich sehr auf einzelne Dinge konzentrierte: eine SMS, ein Naturfilm oder eine Unterhaltung. Es brachte mich auf ein ruhigeres Level, denn ich fühle mich oft verängstigt und überwältigt und denke an zu viele Dinge auf einmal.

Aber als ich mit meiner zweiten Tasse Tee fertig war, bemerkte ich einen Wechsel von einem entspannten Zustand zu einem Zustand, der doch etwas Beklommenes an sich hatte. Ich ging auf die Toilette und stellte mich beim Drehen des Türknaufes ziemlich tollpatschig an. Ich fühlte mich wie eine Schnecke, die sich ihren Weg durch die Bar bahnen will. Ich fühlte mich auch plötzlich dehydriert. Ich streckte mir selbst im Badezimmerspiegel die Zunge entgegen und sah darauf eine weiße Schicht … wirklich sehr attraktiv.

Auch meine Augen waren etwas blutunterlaufen. Ich ging wieder zurück und bestellte ein Wasser.

Ich unterhielt mich mit einem 28-Jährigen namens Jordan Culler, der mir erzählte, dass er täglich Kratom konsumiert. Er hatte nie ein Drogenproblem, und genießt die Vorteile der Pflanze, denn sie hilft ihm beim Konzentrieren. Culler sagte: „Es ist wie Kaffee, bloß ohne zitterig zu werden. Du bist entspannter und kannst dich konzentrieren. Es macht dich einfach lockerer." Er merkte auch an, dass er es vor der Arbeit trinkt.

Kava wurde im Kat 5 Kava einst in Kokosnussschalen serviert, aber da durch die Risse in der Schale eine Riesensauerei entstand, wird es jetzt in durchsichtigen Plastikbechern ausgeschenkt. Seine Freunde gaben mir einen dieser Becher Kava aus. Sie alle kippten das Getränk wie einen Schnaps weg, ich hingegen nippte nur höflich daran. Es schmeckte noch schlimmer als das Kratom. Ich konnte es einfach nicht trinken, aber nicht, weil ich mit dem Geschmack nicht klarkam. Mir wurde plötzlich kotzübel, was komplett auf meinen Kappe ging, denn ich hatte die Warnung der Bedienung bei meinem ersten Besuch ignoriert: 9 Gramm sind die magische Grenze. Es war ein Gefühl der Übelkeit, dass ich schon von damals kannte, als ich Beruhigungs- und Aufputschmittel mischte oder einen Wodka-Bull zu viel hatte. Kein gutes Gefühl.

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Die Kat 5 Kava Tiki-Bar von außen.

Ich war sauer auf mich selbst, weil mir durch das Beobachten der Anderen klar wurde, dass ich einfach ein paar Gramm hätte kaufen können, die mir meine Bedienung zum leichteren Konsum in einen Fruchtsaft gemischt hätte. So wäre eine bessere Überwachung meines Verbrauchs möglich gewesen.

Ich bezahlte meine Rechnung und verließ die Bar. Auf dem Nachhauseweg googlete ich „Wie kommt man am schnellsten von Kratom runter". In einem Forum wurde erwähnt, dass „nichts einen Rausch schneller killt als Essen". Kohlenhydrate wurden als schnellste Lösung vorgeschlagen, also ging ich in einen nahegelegene Pizzeria und verschlang ein Stück. Nach 15 Minuten fühlte ich mich wieder gut, aber zu Hause juckte es plötzlich überall. Ich konnte nicht aufhören, meinen Bauch und meine Arme zu kratzen. Es war jetzt nicht so schlimm, dass es als Folter durchgehen könnte, aber es war doch sehr unangenehm. Ich fing an, mich zu fragen, ob das Kratom etwas damit zu tun hatte. Ich schlief nur schlecht ein und hatte am nächsten Tag richtig schlimme Kopfschmerzen.

In der Vergangenheit fühlte ich mich durch zu viel Kaffeekonsum schlecht und dehydriert. Das kann man gut vergleichen. Ich hab zu viel getrunken, um den vollen Effekt zu spüren, aber wenn ein wenig Übelkeit und Juckreiz die schlimmsten Nebenwirkungen sind, dann ist das gar nicht so schlecht. Ich bin jetzt nicht der größte Fan von Kratom, auch wenn das Probieren Spaß gemacht hat. Mir sagt der Geschmack und der benommene Rausch nicht zu. Ich finde es auch ziemlich suspekt, dass die Befürworter es anscheinend jeden Tag trinken wollen—oder müssen. Aber wenn es den Leuten hilft, von gefährlichen Opiaten wegzukommen, dann bestelle ich beim Barkeeper direkt noch eine Runde.