Aufwärmen mit warmem Bier

Durch die Erfindung der Kältetechnik wurde kaltes Bier zum Standard, aber wenn die Temperaturen sinken, ist das eine gute Gelegenheit, zur ursprünglichen Biertradition zurückzukehren und ein schön heißes Glühbier zu trinken.

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Dez. 21 2014, 6:18pm

Wenn man sich die deutschen Christkindlmärkte ansieht, würde man nicht glauben, dass man sich mitten in einer Biernation befindet. Alle trinken nur Glühwein.

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Nicht einmal in München gibt es irgendwelche Anzeichen oder Überbleibsel davon, dass in dieser Stadt noch vor wenigen Monaten 6,5 Millionen Liter Bier in nur 16 Tagen getrunken wurden—mit der Hilfe zahlreicher Besucher während des Oktoberfests.

Glühwein ist womöglich Deutschlands einziges, offizielles Weihnachtsgebräu, aber in Bayern sind die Jahreszeiten durch Bier gekennzeichnet. Wer sucht, der findet—in den letzten Jahren wurden Weihnachts-, Winter- und „Glühbiere" immer beliebter.

Was macht Weihnachtsbier aber anders, besonders wenn Gewürze beimischen aufgrund des deutschen Reinheitsgebots keine Option ist? Wie festlich kann Wasser, Malz, Hopfen und Hefe schmecken?

Weihnachts- und Winterbiere werden als Festbiere gebraut, das heißt es handelt sich um saisonale Spezialitäten, die oft sehr malzig und stark sind. Da dies ein relatives neues Phänomen ist, werden sie meist auch nur in limitierten Mengen hergestellt.

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Unter den Weihnachtsbieren findet man Lager, die ähnlich wie das Helle, das es in München das ganze Jahr über gibt, schmecken, und Biere so schwarz wie das Loch, in das du fällst, wenn du zu viel davon getrunken hast.

Statt Gewürzen setzen die Bierbrauer auf verschiedene Kombinationen von Hopfen und Malz, um dem Bier ein eigenes Aroma zu verleihen.

Die Münchner Brauerei Giesinger produzierte ihren ersten Weihnachtstrunk im Jahr 2006. Ursprünglich wurden für die Herstellung Mandarinen, Nelken und Zimt verwendet und deshalb durfte es nicht als Bier bezeichnet werden. Dieses Jahr hielt sich Giesinger beim Brauen ihres Weihnachtstrunks das erste Mal an das deutsche Reinheitsgebot und verwendete Hopfen, um diese Aromen zu imitieren. Obwohl es nun offiziell als Bier gekennzeichnet werden darf, ist die Brauerei beim Namen Weihnachtstrunk geblieben.

„Die Reaktion ist überwältigend. Unsere Verkaufszahlen steigen jährlich um 40 Prozent", sagt Steffen Marx, Geschäftsführer und Gründer vom Giesinger Bräu.

Weihnachtstrunk Giesinger II

Im Chiemgau stellt die Klosterbrauerei Baumburg seit 2008 Frohes Festbier her. Die Vertriebsleiterin Iris Tögel beschreibt es als ein „goldenes, malziges Bier mit 13,5% Würze und 5,9% Alkohol." Die Bierwürze gibt den Anteil von süßem Malz vor der Fermentierung an. Der ist bei Weihnachtsbieren generell höher als bei gewöhnlichen.

Neumarkter Lammsbräu, eine Biobrauerei in der Oberpfalz, stellt schon seit 20 Jahren Winterfestbier mit 5,6% her. Es ist karamellfarben und wird geschmacklich seiner Farbe gerecht.

Sie brauen es schon im Sommer, damit es trinkbereit ist, wenn die Temperaturen fallen. Ab Mitte Oktober kommt es in die Supermärkte. Als ich nach dem Unterschied ihres Winterfestbiers im Vergleich zu den anderen Festbieren frage, antwortet Antonia Green, Pressesprecherin von Neumarkter Lammsbräu: „Unser Winterfestbier ist ein klassisches Weihnachtsbier, das einen höheren Alkoholgehalt und eine höhere Würze hat. Im Vergleich zum alltäglichen Bier ist es dunkler und würziger—es ist etwas Besonderes."

„Die Verkaufzahlen steigen Jahr für Jahr, was mit einem Trend zu einzigartigeren Bieren zu tun hat. Dieses Bier wird nur für kurze Zeit verkauft, 10 bis 12 Wochen."

Weil Weihnachtsbiere stärker sind, sollte man sie mehr genießen und langsam trinken. Sie werden nicht unbedingt gebraut, um sie in Maßgläsern runterzukippen.

Das stärkste Bier in Mittenwalder Sortiment ist ihr Weihnachtsbier, ein dunkles Bockbier: das Mittenwalder Weihnachtsbock dunkel. Dank ihrer Lage im Alpenpark Karwendel, der auf über 900 Höhenmetern liegt, weiß die Brauerei genau, wie sich ein langer Winter anfühlt. Ein Bier mit 7,1% hilft ein bisschen dabei, dass sich dieser kürzer anfühlt.

Pyraser, eine weitere Brauerei in Bayern braut seit 1985 ihr Weihnachstfestbier mit 6,1% Volumenprozent. Alexander Schwab von Pyraser erklärt: „Während der Festtage isst man generell schwereres und herzhafteres Essen." Pyraser stellt ein Bier her, das mit diesem Essen mithalten kann. „Ein leichtes Bier tritt schnell in den Hintergrund, wenn es zu einer deftigen Gans mit Rotkohl gegessen wird. Daher braucht man für die Weihnachtszeit ein Festbier."

Ein Bier mit Gewürzen anzureichern mag zwar gegen das deutsche Biergesetz verstoßen, aber es gibt immer ein Schlupfloch. Eins davon nennt sich Biermixgetränk. Es existiert kein deutsches Biergesetz, das das Mischen von Bier mit Cola, Limonade oder irgendeiner anderen Flüssigkeit verbieten würde.

Glühbier wird also gemischt und nicht gebraut. Beim „Glühen", egal ob Wein, Cidre oder Bier, wird die Flüssigkeit erhitzt, gesüßt und gewürzt.

Glühbier stammt ursprünglich aus Belgien, wo es kein Gesetz gibt, das über die Definition von Bier bestimmt. In München verkauft Giesinger kleine Mengen von Liefmans Glühkriek. Kriek ist Flämisch für Süßkirsche, die besondere Zutat dieses Gebräus. In der Weihnachtsversion werden noch eine paar Gewürze hinzugegeben und es wird auf 70°C erhitzt.

Im besten Fall schmeckt Glühbier richtig festlich. Es wärmt und lässt deine Backen glühen. Im schlechtesten Fall schmeckt es wie ein gutes Bier, das mit einem zuckrigen Weihnachtskeks versaut wurde.

Störtebeker in Norddeutschland stellt Glüh-Bier in Flaschen her. Der Bindestrich hier ist kein Fehler, sondern durchaus strategisch platziert, weil das Getränk nicht offiziell als Bier bezeichnet werden darf. Es wird aus Bier, Holunderblütensaft, Zucker, Nelken und Sternanis hergestellt und ist zwar so rot wie Glühwein, aber bei Weitem nicht so süß wie die durchschnittliche Tasse des Weihnachtsgetränks Nr. 1.

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Auf dem Münchner Christkindlmarkt am Rindermarkt unweit vom Marienplatz serviert Spöckmeier's Christkindl Stüberl drei verschiedene Sorten Glühbier, das aus dunklem Bier von Hacker-Pschorr hergestellt wird: Dunkler Engel (mit Apfel und Zimt); Krampus (mit Chili-Vanillegeschmack) und Nikolaus (mit Lebkuchen und Orange).

Glücklicherweise haben sie neben diesen extrem süßen Glühbier-Variationen noch ein weiteres Festbier im Angebot: Stachelbier, das weniger gefährlich ist, als es klingt.

Nach einer alten Schmiedetradition wird der Schaum des dunklen Bockbiers, frisch aus dem Zapfhahn, mit einem heißen Metallstachel im Bierglas umgerührt. Dadurch entsteht mehr Schaum, er wird warm und karamellisiert. Das Bier selbst bleibt jedoch kalt, aber in Kombination mit dem karamellisierten Schaum kann es dieses Getränk jederzeit mit Glühwein aufnehmen.

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Der Bierhistoriker Gregg Smith schreibt, „eiskaltes Bier" sei in der zehntausend Jahre langen Geschichte des Bier eine relativ junge Wendung, weil warmes Bier lange die Norm war. Nicht nur warmes, sondern heißes Bier war zwischen 1500 und dem frühen 19. Jahrhundert in den Tavernen üblich. Es wurde (und wird) als gesund angesehen und galt als Medizin gegen Husten und Erkältungen. Durch die Erfindung der Kältetechnik wurde kaltes Bier zum Standard, aber wenn die Temperaturen sinken, ist das eine gute Gelegenheit, zur ursprünglichen Biertradition zurückzukehren und ein schön heißes Glühbier zu trinken.

Oder zumindest den Schaum zu erhitzen.