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Schottland

Hört endlich auf, frittierte Marsriegel zu bestellen!

Der frittierte Marsriegel hat Schottland seinen schlechten Ruf als Land des ungesunden Essens eingehandelt. Aber wie viel Mythos steckt eigentlich hinter diesem Gericht?

Chris McCall

Photo via Flickr user Moritz Guth

Es ist früher Abend in einem kleinen Fish & Chip-Imbiss in Gallowgate in Glasgow und Francesco Pia bereitet gerade eine Bestellung eines Kunden zu. Er nimmt einen 51 g schweren Schokoladenriegel, packt ihn aus und taucht ihn in eine Mischung auf Mehlbasis, bevor er ihn vorsichtig in die Fritteuse wirft. Eine Minute später liegt der Schokoriegel auf einem Fettpapier und wartet darauf, gegessen zu werden. Manche Kunden bestellen sich noch eine Portion Pommes dazu, die meistens essen ihn aber einfach so.

Der frittierte Marsriegel steht bei Pias Imbiss nicht auf der Karte. Er betont: „Wer servieren ihn nur, wenn jemand speziell danach fragt—meistens sind das Kinder. Wir verkaufen vielleicht einen oder zwei pro Woche. Galaxy Caramel verkauft sich besser, Mars bestellen nicht so viele Leute."

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Wie viele Besitzer kleiner Restaurants in Schottland ist Francesco schottischer Italiener. Seinen Laden am Gallowgate betreibt er schon seit mehr als 20 Jahren. Wenn ein Konzert im berühmten Barrowland Ballroom auf der anderen Straßenseite stattfindet, oder wenn der Celtic FC im Heimstadion spielt, stehen die Leute vor seinem blitzblanken Laden manchmal bis auf die Straße Schlange.

Fish & Chips sind bei Francesco schon länger nicht mehr das beliebteste Gericht. Die meisten Kunden nehmen die frittierte Wurst. Von den Stammkunden würden die meisten wahrscheinlich nicht einmal in Betracht ziehen, einen frittierten Schokoriegel zu bestellen und viele Imbisse in Schottland weigern sich, sie zu verkaufen.

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Der Imbissbesitzer Francesco Pia zeigt, wie man einen frittierten Marsriegel macht. Foto vom Autor.

Ich spiele nicht einmal mit dem Gedanken, für mich ist es ein klares Nein. Zu allererst ist es wahnsinnig teuer. Die Schokolade rinnt in das Öl der Fritteuse, mann kann sie also für nichts anderes verwenden", sagt ein Mitarbeiter im Blue Lagoon in Partick, der seinen Namen nicht nennen will. „Es sind hauptsächlich Touristen, die das bestellen."

Der frittierte Marsriegel ist berüchtigter als jedes andere Essen in Schottland. In einer Zeit der XXL-Portionen, der Esswettbewerbe im Fernsehen und der Triple-Burger fand diese Dessertbombe seit seinem Debüt 1995, als die Daily Record sie als „Schottlands verrücktesten Takeaway-Snack" bezeichnete, immer wieder Erwähnung in Zeitungsartikeln und im Fernsehen.

Forscher der Universität Glasgow führten eine detaillierte Umfrage unter Imbissen im Westen Schottlands durch, um herauszufinden, wie häufig das Gericht verkauft wird, oder ob es doch nur eine Großstadtlegende ist.

„Wir dachten, sie wären vielleicht frei erfunden", sagte Dr. David Morrison, ein Facharzt für öffentliche Gesundheit, zur BBC über die frittierten Marsriegel. „Aber die Ernährung der Schotten ist ein riesiges Gesundheitsproblem und es ist wichtig, dass wir die Fakten kennen. Wie können jetzt bestätigen, dass frittierte Marsriegel kein Großstadtmythos sind."

Das war 2004. Mehr als zehn Jahre später ist der teigige Marsriegel immer noch nicht aus den Medien verschwunden. Anfang des Monats stand er wieder in den Schlagzeilen, als der ehemalige schottische Labour-Parteichef Jim Murphy auf Twitter schrieb, dass ein ähnliches Gericht in der Kantine des schottischen Parlaments verkauft wird.

Das sei nur eine einmalige Aktion gewesen und der Riegel sei nicht frittiert, sondern gebacken worden, so eine Sprecherin des schottischen Parlaments.

Zu einer Zeit, in der die schottische Regierung sich darum bemüht, die Gesundheit der Nation zu verbessern und schottische Köche Beifall für ihre Küche erhalten, wird keiner gern an dieses Symbol für schlechte Ernährung erinnert.

„Es ist ein Relikt vergangener Tage", erklärt Catherine Brown, eine ehemalige Journalistin, die über schottisches Essen berichtete. „Und es kann Schottlands Ruf nicht zerstören, außer man folgert daraus, dass es fixer Bestandteil der täglichen Ernährung aller Schotten ist."

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Pias frittierter Marsriegel. Foto vom Autor.

Der frittierte Marsriegel wurde zum Symbol für die extrem schlechte Volksgesundheit in Schottland in den 1990er-Jahren, als sich das Land von den Jahrzehnten der brutalen Deindustrialisierung erholte.

„Schottland war Europas ungesündestes Land", fährt Brown fort. „Die kurze Erklärung lautete, dass wir alle frittierte Marsriegel essen, aber die Realität war sehr viel komplexer und hatte mit der urbanen Verwahrlosung, mit Arbeitslosigkeit und einer selbstzerstörerischen Kultur in den am schlimmsten betroffenen Gegenden zu tun. Billiges, heißes Essen mit viel Kalorien von der Imbissbude sättigten und schenkten Trost."

Wie viele andere, die in der schottischen Getränke- und Nahrungsmittelbranche arbeiten, wünscht sich auch Brown, dass die Aufmerksamkeit auf etwas anderes gerichtet wird.

„Es existiert eine Bewegung, die zum Ziel hat, schottisches Essen regional verfügbarer zu machen", sagt sie. „All unsere besten Nahrungsmittel werden exportiert. An dieser Kultur müssen wir etwas ändern."

Die Produzenten von Mars haben ebenfalls klargestellt, dass sie es nicht befürworten, dass ihr Produkt frittiert wird. Die Carron Fish Bar in Stonehaven, Aberdeenshire, behauptet schon lange, das Gerichte erfunden zu haben und dachte sogar darüber nach, sich für eine geographisch geschützte Angabe (g.g.A) bei der EU zu bewerben. 2012 kontaktierte Mars, Inc. die Carron Fish Bar, um ihre Sorge zum Ausdruck zu bringen. Eine Sprecherin von Mars wollte keinen Kommentar abgeben, als wir sie fragten, ob das Unternehmen immer noch Restaurants aktiv davon abhält, das Produkt zu frittieren.

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Kulinarisch weit entfernt vom sagenumwobenen frittierten Marsriegel, gibt es in Schottland eine neue Generation von Fish & Chip-Shops wie Hooked in Glasgow. Dort wird ausschließlich Rapsöl verwendet—eine weitaus gesündere Alternative zu tierischen Fetten oder Palmöl—und jeden Tag kommt eine frisch Lieferung Fisch. Alle Bestellungen werden frisch zubereitet.

„Ich bin ein bisschen ein Fisch-Snob", gibt der Inhaber Harin Bassi zu. „Ich mag kein fettiges Essen. Obwohl ich aus Glasgow komme, fand ich die durchschnittliche Qualität der Fish & Chip-Shops furchtbar. Meine Frau war schwanger und hatte Heißhunger auf Fish & Chips. Wir suchten nach einem Lokal, das qualitativ hochwertigen Fisch in frischem Öl frittiert serviert und konnten keines finden."

Bassi will mit dem Mythos aufräumen, dass frittiertes Essen immer ungesund ist.

„Wir versuchen den Kunden zu erklären, dass Fish & Chips viel gesünder sind als die meisten anderen Imbissgerichte", sagt er. „Eine Portion Fish & Chips hat weniger Kalorien und Fett als eine durchschnittliche Pizza oder Chicken Korma."

Aber solange die Kunden nach dem frittierten Schokoladenriegel fragen, ist es unwahrscheinlich, dass die schottischen Fish & Chip-Shops ihren Ruf als ungesundes Essen loswerden.