Von harmlosem Ecstasy, alkoholfreien Getränken, die besoffen machen und Anti-Kater-Pillen

Der ehemalige Drogenberater der britischen Regierung, Professor David Nutt, behauptete Ecstasy sei nicht gefährlicher als Reiten und hat jetzt ein trinkbares Medikament erfunden, das den gleichen Effekt wie Alkohol hat—ohne Kater.

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März 4 2015, 9:50am

Wer zu Grunde gehen soll, der wird zuvor stolz; und Hochmut kommt vor dem Fall. Und der Kater folgt dem Freitagabend mit dem ratternden Lärm eines außer Kontrolle geratenen Güterzugs, nur lauter und von unvernünftigen Long Island Iced Teas angetrieben. Eine unfaire Abfolge von Ereignissen, die die Menschheit plagt und ad infinitum wiederholt wird. Aber hey, das ist eben der Kreis des Lebens … oder so ähnlich.

Außer David Nutt, Neuropsychopharmakologie-Professor am Imperial College in London und ehemaliger Drogenberater der britischen Regierung, setzt seinen Willen durch. Anfang des Jahres präsentierte er zwei neue Medikamente, die das Gefühl der Trunkenheit imitieren (ohne die bedauernswerten Nebenwirkungen) und die die Wirkung von Alkohol reduzieren. Die ewige Frage, ob du dir noch ein Glas Wein mehr einschenken sollst, obwohl eigentlich Sonntag Abend ist und du dein schönes Hemd für morgen noch nicht gewaschen hast, könnte sich somit erübrigen.

Das erste der beiden „Wundermittel" von Nutt ist „Alscosynth", ein schadstofffreies, berauschendes Getränk, dass dich in die gleiche überschwängliche Stimmung wie Alkohol versetzt, nur eben ohne Kater, gesteigertes Aggressionspotential, Kontrollverlust oder irgendeine der anderen furchtbaren Nebenwirkungen, die auftreten, wenn du deine Leber in einer toxischen Substanz ertränkst.

„Es zielt auf die Teile des Gehirns ab, die für die guten Aspekte des Betrunkenseins zuständig sind, aber eben nicht für die schlechten", erklärt Nutt, der hofft, dass der Alkoholersatz zu einem günstigen Preis als Begleiter normaler alkoholischer Getränke vermarktet wird.

Es gibt jedoch auch Bedenken was die Sicherheit von Alcosynth betrifft, da es sich um ein Benzodiazepine-Derivat und eine Substanz aus der gleichen Familie wie Valium handelt, von dem manche Experten sagen, dass es schwieriger abzusetzen sei als Heroin.

Nutt behauptet, Alcosynth habe nicht die gleichen Entzugssymptome wie Valium und erklärt, dass sein Produkt „nicht mit den Rezeptoren, die für die Benzodiazepine-Abhängigkeit verantwortlich sind, interagieren."

Über die Risiken von Alcosynth, wenn es für die breite Masse vermarktet werden würde, sagte ein Pressesprecher der Pharmaceutical Society: „Leider wissen wir derzeit nicht genug über die Funktionsweise, als dass wir einen informierten Kommentar dazu abgeben könnten."

Das ist nicht das erste Mal, dass Nutts Arbeit hinterfragt wird. 2009 wurde der Neuropsychopharmakologe heftig kritisiert, weil er nahelegte, Ecstasy sei nicht gefährlicher als Reiten.

Wenn die Pille vor dem Alkoholkonsum eingenommen wird, kann man sich nicht bis zur kompletten Unfähigkeit betrinken, also nicht so sehr, dass man es für eine gute Idee hält, dem DJ auf die Nerven zu gehen, damit er endlich „Single Ladies" für „meine Girls" spielt.

Nutts zweites Medikament wird als „Chaperon" bezeichnet, das die Wirkung von Alkohol auf den Körper lindern kann. Wenn die Pille vor dem Alkoholkonsum eingenommen wird, kann man sich nicht bis zur kompletten Unfähigkeit betrinken, also nicht so sehr, dass man es für eine gute Idee hält, dem DJ auf die Nerven zu gehen, damit er endlich „Single Ladies" für „meine Girls" spielt.

Die Pille könnte eingesetzt werden, um nach einer durchzechten Nacht wieder auszunüchtern und sie könnte sogar das Risiko des Autofahrens unter Alkoholeinfluss minimieren. Der Preis müsste jedoch hoch angesetzt werden, um Missbrauch vorzubeugen.

Aber Nutts Medikamente sollen nicht einfach nur das Feiern unter der Woche ermöglichen. Der Professor weist auch auf das Potential von Alcosynth für die Behandlung von Alkoholismus hin.

„Ich hoffe, dass es keinen Alkoholismus mehr gibt, weil die Leute keinen Alkohol mehr trinken", sagt er. „Bevor es aber so weit ist, könnte Alcoynth Betroffenen helfen, ihren Alkoholkonsum zu reduzieren."

Obwohl der britische NHS Medikamente wie Acamprosat—ein Arzneimittel, das den γ-Aminobuttersäure-Spiegel (GABA) im Gehirn erhöht—zur Verhinderung von Rückfällen von Alkoholkranken gutheißt, gehen die Meinungen über die Behandlung von Alkoholsucht mit Medikamenten auseinander.

Vielen sehen strengere Vorschriften für die Werbung und den Verkauf von Alkohol zielführender als Medikamente, wenn es um Alkoholmissbrauch geht. Letzten Monat verkündete die irische Regierung, dass sie einen Mindestpreis für alkoholische Getränke einführt—eine Maßnahme, die der Gesundheitsminister Leo Varadkar als „Reaktion auf die Tatsache, dass der Großteil der irischen Erwachsenen zu viel Alkohol trinkt und viele von ihnen in gefährlichen Mengen" beschreibt.

Ob es nun ein Wundermittel oder doch ein Schritt in die falsche Richtung ist, Alcosynth und die Chaperon-Pille stecken noch in den Kinderschuhen. Während Nutt um die Zulassung 85 neuer chemischer Verbindungen für seine zwei Medikamente angesucht hat, sollen sich die Kosten für rechtliche Angelegenheiten und für Menschenversuche auf bis zu eine Million Pfund [umgerechnet 1,37 Millionen Euro] belaufen und bisher hat Nutt noch keinen Geldgeber gefunden.

Vielleicht ist das aber etwas Gutes. Wollen wir wirklich den künstlichen Zustand der Betrunkenheit erleben? Sollen wir wirklich eine hedonistische, in Tequila getränkte Existenz führen können, ohne die Konsequenzen für unsere alkoholischen Exzesse tragen zu müssen?

Ja, klingt eigentlich ganz gut.