Die vier Rechtfertigungen eines jeden Fleischessers

Wir verraten euch die vier (wissenschaftlich belegten) Gründe, mit denen du dich selbst davon überzeugst, dass es in Ordnung ist, einen Hotdog zu essen, während du Schweinchen Babe schaust.

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Mai 21 2015, 3:30pm

Foto: Jun Seita | Flickr | CC BY 2.0

Was hältst du von Cheeseburgern? Magst du sie? Mehr als alles andere?

Und was denkst du über die gleiche Bezahlung von Frauen im Vergleich zu Männern? Und über positive Diskriminierung? Könnte deine Meinung möglicherweise mit deiner Vorliebe für ein englisch gebratenes Steak oder eine Krakauer zu tun haben?

Wenn du Fleisch isst – was du statistisch gesehen sehr wahrscheinlich tust –, könnte das eine tatsächlich etwas mit dem anderen zu tun haben, besagt eine aktuelle Studie. Deine Fähigkeit, Bilder von den aufgeschlitzten Rachen von Kühen unter den Teppich zu kehren, um ohne schlechtes Gewissen einen Burger zu verdrücken, ist ein Anzeichen dafür, dass du in der Lage bist, auch andere Formen der sozialen Ungerechtigkeit zu übersehen oder zumindest zu tolerieren.

So heißt es zumindest in der Theorie. Ein internationales Team von Forschern unter der Leitung von Dr. Jared Piazza der britischen Lancaster University haben die vier grundlegenden Rationalisierungsversuche, mit denen Fleischesser den Konsum von Tieren verteidigen, identifiziert. Sie sind als die "4Ns" bekannt: Natural (natürlich), Necessary (notwendig), Normal und Nice (nett/gut).

Wenn du schon einmal einer unangenehmen Unterhaltung zwischen einem Vegetarier und einem stolzen Omnivoren beigewohnt hast, dann kommen dir diese Rechtfertigungsversuche vielleicht bekannt vor: "Es ist etwas ganz Natürliches – Menschen haben immer schon Fleisch gegessen", "Fleisch ist notwendig, um genügend Eiweiß/Vitamin B/Eisen zu sich zu nehmen", "Ich bin mit Fleisch aufgewachsen, für mich ist das ganz normal", "Chicken Wings schmecken aber so gut". Für die Studie, die in der neuesten Ausgabe von Appetite veröffentlicht wurde, wurden mehr als 1100 Erwachsene und Studenten über ihre Gründe für den Fleischkonsum befragt und der häufigste der Ns war, dass es "notwendig" sei.


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Und da haben wir es – vier verschiedene Wege, mit denen du deine Schuld unterdrückst, damit du dir nicht jedes Mal ein Schweinchen Babe, das nach seiner Mutter quiekt, vorstellen musst, wenn du eine Schüssel Tonkotsu-Ramen isst.

Aber all die, denen beim Gedanken an Schweinchen Babe warm ums Herz wird, sind auch diejenigen, die danach einen Hotdog runterhauen – egal wie viel rehäugige Tiere dafür zermahlen werden mussten.

Die Studie spricht das "Fleischparadox" an, das besagt, dass Fleischesser sich dem Konflikt stellen müssen, entweder ihre Ernährung an ihre Aversion gegen das Töten und gegen Tierquälerei anzupassen oder für immer auf Fleisch zu verzichten.

"Die Beziehungen, die Menschen mit Tiere haben, sind kompliziert", schreiben die Autoren der Studie und weisen auf die fehlende Kontinuität in unserer Einstellung gegenüber Haustieren im Vergleich zu landwirtschaftlichen Tieren. "Menschen wenden bestimmte Strategien an, um diesen offensichtlichen Widerspruch in ihrer Einstellung und in ihrem Verhalten zu überwinden."

Ein weiterer interessanter Aspekt der Studie könnte das ständige Augenrollen der Fleischesser über Vegetarier und Veganer erklären, das immer noch vorkommt, obwohl belegt wurde, dass jeder von Bill Gates bis zu den Vereinten Nationen es gut findet, den persönlichen Fleischkonsum zu reduzieren oder sogar ganz darauf zu verzichten.

Wie Piazza sagt: "Ethisch motivierte Vegetarier sind für viele Omnivore eine Quelle des impliziten moralischen Vorwurfs, was Verhalten hervorruft, mit dem sie sich gegen die moralische Verurteilung verteidigen." In anderen Worten, ihr eigener Lebensstil drängt die Fleischesser in die Defensive, weil dadurch die 4Ns in Frage gestellt werden. Wie kann man schön überzeugend behaupten, dass Fleisch "notwendig" ist, wenn all die Veganer und Vegetarier kerngesund herumlaufen?

Als MUNCHIES Piazza um einen weiteren Kommentar bat, stellte er schnell klar, dass die Studie Veganer nicht als besonders redlich darstellen soll. "Ich würde nicht sagen, dass Veganer, die auf jegliche Tierprodukte in ihrer Ernährung verzichten, konsequenter in ihren sozialen Einstellungen sind als Omnivoren – sie haben einfach andere Werte", sagte er uns per E-Mail. "Veganer sind häufig der Meinung, dass es keine (oder sehr wenige) gute Gründe gibt, warum man Fleisch essen sollte, während Omnivoren glauben, dass es zumindest vier gibt: dass Fleisch essen notwendig, natürlich, normal und gut ist."

Die Verfechter der 4Ns waren häufig Männer, tolerierten häufiger andere Formen der sozialen Ungerechtigkeit und wiesen häufiger darauf hin, dass Kühe weniger intelligent sind als Menschen.

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"Auf der kognitiven Seite glauben die Leute, dass Tiere den Menschen moralisch unterstellt sind, weil Tiere weniger intelligent sind und weniger kognitive Fähigkeiten haben als wir Menschen. Viele Leute glauben, dass diese Attribute eine wichtige Rolle in der moralischen Stellung spielen, was dazu führt, dass die meisten Leute der Meinung sind, dass die Interessen der Tiere weniger Priorität als die der Menschen haben", erklärt Piazza die Psychologie hinter den Speziesismus.

"Außerdem haben die meisten Leute keine positive Beziehung zu den Tieren, die wir in unserer Kultur essen. Die meisten Leute haben überhaupt keine Beziehung zu diesen Tieren, mal abgesehen vom Essen, das auf ihren Tischen steht. Oft denken sie gar nicht darüber nach, dass die Quelle des Fleischs auf ihrem Teller eine tierische ist, außer man weist sie explizit darauf hin … deshalb belastet uns der Gedanke an ihr Leiden und ihre Misshandlung nicht so sehr."

Wenn also das Töten und Essen von Schweinen kein Problem ist, weil es eben Schweine sind und weil sie (scheinbar) weniger intelligent als Menschen sind, wieso fällen wir über Frauen oder anderen Minoritäten basierend auf ihren Identitäten, Eigenschaften oder ihrer "Andersheit" nicht das gleiche Urteil? Soziale Dominanz ist eben soziale Dominanz.

Na gut, damit lehnen wir uns recht weit aus dem Fenster. Aber nur weil es unangenehm ist, heißt das nicht, dass es unfair ist.

Aber was kann man eigentlich heutzutage, da die Industrien so astronomisch viel Macht haben, dagegen tun? Auch die Autoren der Studie sind sich nicht sicher. Aber, "wie bei vielen kontroversen Themen ändern sich mit der Einstellung gegenüber Fleischkonsum auch die Überzeugungen, die diese untermauern."

"Ich würde nicht sagen, dass die 4Ns 'schädlich' sind, aber die 4Ns sind sicherlich ein Hindernis für potentiell positive Veränderungen", sagt Piazza zu MUNCHIES. "Ob diese Veränderungen von Nutzen sind, hängt von den Fakten, ob der Verzicht auf die Fleischproduktion und den Fleischkonsum von Nutzen ist."

Rindfleisch-Pattys werden wahrscheinlich nicht so schnell nicht von den Speisekarten verschwinden, aber vielleicht bekommen Vegetarier im Burgerrestaurant bald weniger schräge Blicke von der Seite zugeworfen.