Rückfällige Vegetarier

Du machst deine Freunde dafür an, dass sie Fleisch essen und damit Tierrechte mit den Füßen treten? Obacht, Weltverbesserer, einer neuen Studie zufolge mampfst auch du bald wieder Burger.

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Dez. 11 2014, 10:23am

Die Wahrscheinlichkeit ist ziemlich hoch, dass du irgendwann schon mal mit der Idee gespielt hast, Vegetarier zu werden, oder den Gedanken und Worten sogar Taten hast folgen lassen und für ein paar Monate, Jahre oder gar Jahrzehnte auf Burger und Co. verzichtet hast.

Und in 83 von 100 Fällen bist du nach einiger Zeit wieder rückfällig geworden.

Eine neue Studie des Humane Research Council hat rund 11.400 Amerikaner befragt und dabei herausgefunden, dass gerade einmal 2 Prozent der Studienteilnehmer Vegetarier waren und dass 5 von 6 von ihnen eine vegetarische Lebensführung nicht dauerhaft durchhalten werden. Aus diesem Grund gibt es auch fünfmal so viele ehemalige Veganer und Vegetarier (ca. 10 Prozent der Bevölkerung) wie aktuelle. Übrigens: Während 86 Prozent der Vegetarier früher oder später ein Leben ohne Fleisch wieder aufgeben, sind es bei den Veganern hingegen nur (?) 70 Prozent.

Interessant an der Studie ist vor allem die Tatsache, dass das allgemeine Vorurteil nicht zu stimmen scheint, die meisten Menschen würden mit Mitte 20 auf eine vegetarische Ernährung umsteigen. Denn erst knapp zehn Jahre später, im Durchschnittsalter von 34, seien der Studie zufolge die Befragten zu Veganern und Vegetariern geworden.

Mehr als zwei Drittel der ehemaligen Vegetarier und Veganer sind Frauen (69 Prozent), und weniger als die Hälfte blieb mehr als ein Jahr fleischfrei. Außerdem gaben 43 Prozent der Befragten an, dass ihr Versuch, auf Fleisch zu verzichten, an der Ausschließlichkeit einer veganen Ernährung und Schwierigkeiten bei deren praktischen Umsetzung gescheitert sei. Bist du noch ein „echter" Veganer, wenn du aus Versehen ein Stück Toast mit Butter isst? Und was ist mit Vegetariern, die sich, wenn sie mit Fieber im Bett liegen, zur Stärkung eine Hühnersuppe machen? Für einige war eine derart dogmatische Herangehensweise auf die Dauer einfach zu anstrengend.

Aus welchen anderen Gründen tun sich Menschen noch dermaßen schwer damit, einen scheinbar einfachen Vorsatz einzuhalten—der außerdem mit besserer Gesundheit in Verbindung steht, den CO2-Ausstoß verringert und für weniger Schuldgefühle sorgt?

Diese Frage habe ich an Hal Herzog, Professor für Psychologie an der Western Carolina University und Autor (u.a. von dem Buch Wir streicheln und wir essen sie: Unser paradoxes Verhältnis zu Tieren) gerichtet, in der Hoffnung, eine schlüssige Antwort zu erhalten.

„Ich war schon ein bisschen überrascht darüber, dass die Rückfallzahlen so hoch waren", erzählt mir Herzog. „Vor allem die hohe Anzahl rückfälliger Veganer hätte ich nicht erwartet. Zusammen mit einem Studenten von mir haben wir im Rahmen einer Studie Interviews mit Ex-Vegetariern geführt, um herauszufinden, warum sie mittlerweile wieder Fleisch essen."

Die Mehrheit der befragten Personen (rund 35 Prozent) gab an, eine rein pflanzliche Ernährung aus gesundheitlichen Gründen wieder abgebrochen zu haben. Für weitere 25 Prozent war es schlichtweg zu „stressig und umständlich, auf Fleisch zu verzichten, so z.B. bei Restaurantbesuchen, wo die Auswahl an vegetarischen Gerichten häufig noch einiges zu wünschen übrig lässt." Rund ein Fünftel der Befragten gab zu, einfach nicht mehr auf den Geschmack von Fleisch verzichten zu können, und 15 Prozent machten „soziale Faktoren" wie mangelnde Unterstützung vonseiten von Freunden dafür verantwortlich, wieder aufs Fleisch gekommen zu sein.

Und auf noch einen Punkt weist Herzog gerne hin: „Wir haben, genauso wie der HRC, herausgefunden, dass die wenigsten Leute (rund drei Prozent) wieder Fleisch essen, weil sich ihre ethisch-moralischen Vorstellungen geändert hätten. Stattdessen, glaubt Herzog, habe die Mehrheit der wieder Fleisch essenden Personen einfach nur gelernt, mit den moralischen Widersprüchlichkeiten besser zu leben.

Obwohl er über die Tier-Mensch-Beziehung ein Buch geschrieben und zu diesem Thema sehr viel geforscht hat, ist Herzog selbst kein Vegetarier mehr. „Ich hatte keine Lust mehr auf diesen inneren Kampf und haben meinen Frieden mit der Tatsache geschlossen, dass ich auch gerne Fleisch esse. Ich habe lange darüber nachgedacht, meine eigenen Recherchen angestellt und weiß natürlich auch um die ethischen Gesichtspunkte." Trotzdem, oder gerade deswegen, verzichtet Herzog nur allzu gerne auf Diskussionen mit seinen vegetarischen Freunden. „Der Grund dafür ist recht simpel: Ich würde Streitgespräche dieser Art eh nur verlieren … Am Ende haben sie halt die besseren Argumente."

Also, Ex-Weltverbesserer: Wir wissen, es tut euch bestimmt irgendwie leid, dass ihr euch wieder saftigen Burgern hingebt. Wir wissen aber auch, dass ihr gelernt habt, eure Schuldgefühle ziemlich gut zu unterdrücken.

Oberes Foto: Brian | Flickr | CC BY 2.0