Warum wir aufhören sollten, über Grünkohl zu lästern

Klar, Grünkohl ist gesund, aber die momentane Besessenheit von diesem Blattgemüse ist einfach zu viel des Guten. Und vielleicht sind wir alle einfach nur auf die clevere Vermarktung dieses langweiligen Gemüses reingefallen.

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Juli 14 2015, 7:30am

Foto von Stacy via Flickr

Es ist ein sonniger Sonntagnachmittag in der Innenstadt von Warschau. Ich spaziere mit drei polnischen Freunden durch einen Park und wir unterhalten uns über die Party vom Vorabend, unser gemeinsames Abendessen und eine hippe Gegend in der Nähe.

„Dort leben die ‚Künstler' und essen alle jarmuż", sagt Zofia, von Humor keine Spur. Ich weiß, dass jarmuż das polnische Wort für Grünkohl ist, der kürzlich vorgewaschen und abgepackt den Weg in meinen Lieblingssupermarkt fand. Dass Vorurteile gegen Grünkohlesser aber nicht nur in den USA, sondern auch auf der anderen Seite des großen Teichs bestehen, war mir nicht bewusst.

Seit ein paar Jahren ist Grünkohl überall. Mein Posteingang wurde mit Grünkohlrezepten und -witzen überschwemmt und „Kale" stand auf der Liste der potentiellen Babynamen meiner Freunde. Ich aß Mac and Cheese mit Grünkühl, mixte es in grüne Säfte und Smoothies und backte Grünkohlchips. Ich war auf den Grünkohlzug aufgesprungen. Ich mag das Grünzeug und es soll ein Superfood sein: eine Tasse davon hat 0 g Fett, nur 33 Kalorien und ist voller Vitamine, Ballaststoffe und Eisen, um nur ein paar der Vorteile zu nennen. Aber trotz des Status als Superfood (oder gerade deswegen?) und obwohl ich weder Flanellhemden trage noch in Portland wohne, kann ich nie in der Anwesenheit anderer Grünkohl essen, ohne dass jemand das H-Wort ruft.

Die Food-Journalistin, die mich 2009 zum Grünkohl essen einlud, beklagt: „Es steht für Restaurants, die glauben, sie kommen damit davon, 15 Dollar für einen Salat zu verlangen, der keine drei Dollar wert ist … Leider scheint die Beliebtheit von Grünkohl gleichzeitig der Grund für seinen Untergang zu sein."

Laut der USDA stieg der Preis von Grünkohl in den USA zwischen 2011 und 2014 um 25 Prozent von 0,88 Dollar auf 1,10 Dollar. Letztes Jahr wurde Grünkohl in 50.000 Supermärkten verkauft, verglichen mit 4.700 noch drei Jahre zuvor. Wieso denn dieser plötzliche Grünkohl-Wahn? Wieso sind Spinat, Brunnenkresse oder Blattkohl nicht genauso begehrt?

Es ist kein kürzlich kreuzgezüchtetes Gemüse wie kalette (Grünkohl x Rosenkohl) oder Romanesco (Blumenkohl x Brokkoli). Obwohl wir uns gerne für aufgeklärt halten, wenn es darum geht, was wir essen und wie wir das dokumentieren, gab es Grünkohl schon im antiken Griechenland und seit dem Mittelalter auch in Asien und dem Rest Europas.

Auch in der 50ern gab es das Gemüse schon und mein Vater hat es als „das fadeste, uninteressanteste, unheimlichste dunkelgrüne Blattzeug der Welt" in Erinnerung. Er spekulierte: „Das Einzige, was die Leute dazu bringt, dieses Gemüse zu essen, ist, wenn sie glauben, dass ihr Überleben davon abhängt."

So weit entfernt von der Wahrheit lag er damit gar nicht. 2012 stellte die American Kale Association einen PR-Experten an, der das Gemüse vermarkten sollte. Und das hat ziemlich gut funktioniert: Zwischen 2013 und 2014 kam das Wort Grünkohl auf amerikanischen Speisekarten um 47 Prozent häufiger vor. Klar, davor war es auf Bauernmärkten erhältlich, wurde auf Food Blogs erwähnt und prangte seit 2000 auf den „Eat More Kale"-T-Shirts. Aber um in den richtig großen Ligen mitspielen zu können, brauchte Grünkohl ein Facelifting.

Grünkohl, genau wie Açai, Rosenkohl und Quinoa, fanden früher nur wenig Beachtung in der amerikanischen Küche—die meisten Leute konnten sie nicht einmal richtig aussprechen—und jetzt kann plötzlich keiner mehr ohne sie leben.

Bald fragte ich mich: Haben sie Beyoncé dafür bezahlt, dass sie 2013 in ihrem Musikvideo zu „7/11" ein Sweatshirt mit dem Schriftzug „Kale" trug? Hatten sie etwas mit Kevin Bacons Aussage, dass wir im „Zeitalter des Grünkohls" leben, zu tun? Oder dass McDonald's in den USA plötzlich Frühstücksgerichte mit Grünkohl anbietet? Und was hat es mit dem Ryan Gosling-Grünkohl-Meme auf sich? Spielt das überhaupt eine Rolle, wenn es das war, was ein Land, in dem ein Drittel der Bevölkerung an Adipositas leidet, brauchte, um mehr grünes Gemüse zu essen?

„Der Begriff Superfood wird oft verwendet, um ihnen etwas zu verkaufen, deshalb würde ich den Käufern zu Vorsicht raten", sagt der Spezialist für Präventionsmedizin Phil Hagen dem Wall Street Journal. „Entweder Grünkohl tötet dich oder rettet dir das Leben, je nachdem, welchen Medienbericht man gerade liest", lautete die Unterüberschrift des Artikels „Die Gefahren von Superfoods".

Für viele ist Grünkohl der Inbegriff von allem, was „die Speisekarte deines Hipstercafés um die Ecke so furchtbar hip, unerträglich gesund, grasig und geschmacklos macht", wie Jim Poe letzten Sommer im Guardian schrieb.

Die Reaktion auf die explosionsartige Beliebtheit ist zwar irgendwie verständlich, aber immerhin ist es ein gesundes Gemüse, egal nach welchem Maßstab. Während immer mehr Leute an Adipostias und Diabetes leiden, sollten wir vielleicht zwei Mal nachdenken, bevor wir Grünkohlesser einen blöden Spruch an den Kopf werfen.