Deine Low-Carb-Ernährung könnte dich dümmer machen

Dein Gehirn braucht Nudeln, Kartoffeln und Brot. Akzeptier das doch einfach.

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11 April 2018, 11:32am

Foto: imago | Photocase

Dieser Artikel stammt aus unserer Redaktion in Zürich.

Mit dem Frühlingsbeginn zelebrieren die Macher von Frauen- und Fitness-Magazinen auch den Start der Diät-Saison. Endlich können sie ihre Leserinnen und Leser wieder dazu anhalten, sich dem kollektiven Druck der Gesellschaft zu beugen und fleissig Kalorien zu zählen, um den Bikini-Body für die Sommersaison zu tunen. Zwischen Slim-Fast-Shake und Weight-Watchers-Menü schicken sie uns noch für ein Stündchen (oder besser zwei) ins Fitnessstudio und wenn wir uns mal wieder was gönnen wollen, ist Frozen Yoghurt wohl unsere einzige Option.

Neben neueren Hypes wie Intermittent Fasting oder Babybrei-Diät, ist Low-Carb einer der Diät-Trends, die sich seit Jahren halten. Auf Facebook finden sich unzählige Seiten, die sich speziell dieser Ernährungsmethode verschrieben haben. Die Follower-Zahl jeder einzelnen Seite? Abertausende. Low-Carb-Rezepte findest du ausserdem zuhauf auf Pinterest, Instagram und in zahlreichen Kochbüchern und Diätratgebern. Am Thema Low-Carb führt kein Weg vorbei, wenn du dich je mit deiner Ernährung oder deinem Gewicht auseinandergesetzt hast.

Bei dieser Abnehmmethode verzichtest du für dein Wunschgewicht auf Kohlenhydrate. Das heisst: kein Brot und Getreide. Keine Pasta. Keine Kartoffeln, Bohnen oder Hülsenfrüchte. Kein Mais, kein Obst, kein Honig. Was bei so einer Ernährung übrig bleibt? Fleisch, Fisch und Milchprodukte, hauptsächlich.

Bye Bye Brot: Wenn du die Low-Carb-Diät befolgst, ist es dein grösster Feind | Foto: Pixnio|CC0

Was für Veganer wie die kulinarische Hölle auf Erden klingen muss, finden auch einige (nicht repräsentative) Studien bedenklich. So gibt es über die Jahre immer wieder Untersuchungen dazu, ob das Einhalten einer Low-Carb-Diät die Hirnleistung verringert. Schuld daran könnte sein, dass wir bei einer solchen Ernährung bewusst auf Glukose verzichten. Sie entsteht im Körper bei der Umwandlung von Kohlenhydraten und wird vor allem von unserem Gehirn benötigt. Wer ohne Kohlenhydrate auskommen will, setzt sich laut diesen Studien und der Meinung zahlreicher Ernährungsberatern also folgenden Nebenwirkungen aus: Verwirrung, Vergesslichkeit, längere Reaktionszeiten und verminderte Hirnleistung.

Wie lange man sich tatsächlich für solch krasse Reaktionen des Körpers kohlenhydratarm ernähren muss, oder wie gesund die Probanden sonst leben, wird nie erwähnt. Auch die Ausführung und Beweiskraft dieser Untersuchungen lässt zu wünschen übrig. Trotzdem warnt Ernährungsberaterin Emilie Léchot vor der beliebten Low-Carb-Diät: "Eine Low-Carb-Ernährung schadet auf jeden Fall dem Gehirn und dessen Leistung und ist nicht empfehlenswert."


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Léchot verteufelt aber nicht allein den Verzicht auf Brot, Pasta und Kartoffeln, sie stellt vor allem die einseitige Ernährungsweise dieser Diät in Frage. Eine ausgewogene Ernährung sei wichtig, sagt sie, um fit und gesund zu bleiben. Vor allem wer auf Fruchtzucker verzichtet, setze sich ungeschützt freien Radikalen im Körper aus. Léchot erklärt: "Freie Radikale sind Moleküle, denen ein Elektron fehlt. Sie greifen daher intakte Moleküle an und stehlen ihnen das fehlende Elektron. Dies wiederum macht aus dem bestohlenen Molekül ein freies Radikal, welches wiederum ein anderes intaktes Molekül angreift." So entstehe eine gefährliche Kettenreaktion, die zu eingeschränkten Zellfunktionen bis hin zum Zelltod führen könnte, warnt Léchot.

Freie Radikale können aber auch einen Nutzen für unser Immunsystem haben. Professor Wilhelm Bloch von der deutschen Sporthochschule Köln beispielsweise erklärte schon 2004 gegenüber Spiegel Online, dass mit Hilfe freier Radikale Zellen getötet werden, die sonst unkontrolliert wuchern würden. Umgekehrt kann ein erhöhter Wert an freien Radikalen, wie während einer Low-Carb-Diät beispielsweise, aber auch zu Nebenwirkungen führen. Bloch zu Spiegel Online weiter: "Ständig erhöhte Radikalpegel, wie sie beispielsweise Kettenraucher aufweisen, führen durch permanenten oxidativen Stress zu einem deutlich erhöhten Tumorrisiko." Die Folgen: Erhöhtes Risiko für Krebs, Gefässerkrankungen, Typ-2-Diabetes sowie Alzheimer oder Parkinson.

Und was hat das jetzt mit dem vermeintlich verringerten Denkvermögen während einer Low-Carb-Diät zu tun? Ernährungsberaterin Emilie Léchot erklärt das so: "Da freie Radikale im ganzen Körper agieren (jede einzelne unserer 100 Billionen Körperzellen werden jeden Tag von mindestens 10.000 freien Radikalen attackiert), sind auch Gehirnzellen betroffen, was ebenfalls zu nachlassender Konzentrationsfähigkeit bis hin zur Demenz führen kann." Und weil du mit dem Verzicht auf Kohlenhydrate auch schon ordentlich an Glukose gespart hast, bleibt deinem Hirn theoretisch nun noch weniger Nervennahrung übrig, um zu funktionieren.

Wird man mit der Low-Carb-Methode also nicht nur dünner, sondern auch dümmer? Jein, zumindest passiert nichts von heute auf morgen und bei einer temporären Ernährungsumstellung solltest du auch nicht so schnell, nicht mehr zwei und zwei zusammenzählen können.

Und falls du dir jetzt nach der letzten Diät doch grosse Sorgen um deine geistige Gesundheit machst: Hier findest du ein Rezept für Pane Pugliese, ein rustikales Hefeweissbrot mit Kartoffelmehl.

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